Gedenken an getöteten 15-jährigen Arkan Hussein Khalaf

Einen Monat nach der Tötung des 15-jährigen Êzîden Arkan Hussein Khalaf am 07. April 2020 in Celle dauern die Ermittlungen weiter an. Angesichts der steigenden Zahl der rassistischen Morde in den vergangenen Monaten und der Zunahme von Hass und Gewalt in der Gesellschaft ist die Verunsicherung in den migrantischen und postmigrantischen Communities groß. Umso wichtiger ist es daher, dass Polizei und Staatsanwaltschaften offen ermitteln und nicht vorschnell Rassismus als mögliches Tatmotiv ausschließen.

Vorschnelle Einschränkungen der Ermittlungen im Hinblick auf mögliches rassistisches Motiv

Früh haben Polizei Celle und Staatsanwaltschaft Lüneburg allerdings für Unverständnis gesorgt, in dem sie noch am Abend nach der Tat nicht einmal mit 24 Stunden Abstand davon sprachen, dass die Ermittlungen „in keiner Hinsicht Anhaltspunkte für eine ausländerfeindliche oder politisch motivierte Tat“ liefern würden. Dass den ermittelnden Behörden eineinhalb Monate nach den Morden von Hanau eine solche Wortwahl wählten, trägt nicht zur Vertrauensbildung bei.

Erst nach einer deutlichen Stellungnahme jesidischer und anderer zivilgesellschaftlicher Organisationen sowie erster vertiefender Medien-Recherchen stellten Polizei Celle und Staatsanwaltschaft Lüneburg noch am späten Karsamtag (11. April 2020) klar, dass auch die Social Media-Accounts des mutmaßlichen Täters genauer betrachtet würden. Diese hatten nämlich Auffälligkeiten insofern ergeben, als dass „der Verdächtige eine Nähe zu rechtsextremen Verschwörungstheorien“ aufweist, wie eine erste Recherche der ZEIT ergeben hatte. Der Chefredakteur der Frankfurter Rundschau Thomas Kaspar verwies in einem Kommentar darauf, dass die Sprache „die Blindheit der Behörden gegenüber Rassismus“ entlarve.

In das Bild von Celler Polizei und Staatsanwaltschaft Lüneburg passt auch der Bericht der Beratungsstelle RespAct – Beratungsstelle für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt, deren Kollegin im podcast von NSU-Watch (ab min 34:00) davon berichtete, dass die Beratungsstelle direkt nach dem Tod des Jugendlichen proaktiv ihr unabhängiges Beratungsangebot gegenüber den ermittelnden Behörden in Celle bekannt gemacht hatte, damit dieses an Familie, Zeug_innen und Freund_innen weitergereicht werden möge. Einen Tag nach der Tat habe man allerdings die Antwort der Polizei Celle erhalten, dass man keine Notwendigkeit darin sehe, denn es handele sich ja nicht um eine rassistische Tat. Mittlerweile begleitet RespAct die Familie und konnte auch die Beerdigung Arkans besuchen.

Zwischenzeitlich hat der Täter seine Tat gestanden, wurde allerdings auf Basis eines psychiatrischen Gutachtens aus der Untersuchungshaft in die Psychiatrie überwiesen, da die bisherige Arbeitshypothese der ermittelnden Stellen sowie seine eigene Aussagen ergeben haben, dass die Tat möglicherweise mit einem starken Drogenkonsum verbunden war. Zunächst werden nun Begutachtungen diesbezüglich durchgeführt. Laut Staatsanwaltschaft Lüneburg bestreite der mutmaßliche Täter weiter ein ausländerfeindliches oder rechtsextremes Motiv. Er sei aber nach eigener Einschätzung ein sogenannter Internettroll, der provozieren und die Reaktion sehen möchte.

Spendenaufruf für die Familie

Die Beratungsstelle RespAct berichete, dass es aus dem Freund_innenkreis von Arkan bereits den Wunsch gegeben habe, den Platz nahe des Celler Bahnhofes, an dem er getötet wurde, nach ihm zu benennen. Auch wurde ein Spendenaufruf für die Familie initiiert. Daneben soll es zu einem späteren Zeitpunkt eine größere Trauerfeier geben. Die Trauerfeier wenige Tage nach dem Tod war aufgrund der pandemiebedingten Einschränkungen nur für eine sehr geringe Personenanzahl zugänglich.

Schmerz der Familie nicht in Worte zu fassen

Die Familie von Arkan war vor dem sogenannten „IS“ geflohen und hatte in Celle eine neue Heimat gefunden. Arkans Mutter Kochar Sido Khidir versuchte wenige Tage nach dem Tod ihres Sohnes ihren Schmerz im Gespräch mit „Neues Deutschland“ in Worte zu fassen. Sie schildert darin auch die Flucht aus dem Nordirak 2014.

Der Flüchtlingsrat Niedersachsen wird die weiteren Ermittlungen aufmerksam verfolgen. Nachfolgend haben wir einige, vor allem überregionale, Presseberichte, zusammengestellt und verlinkt.

Mehr

Spendenaufruf für die Familie von Arkan Hussein Khalaf
Erklärung jesidischer und anderer zivilgesellschaftlicher Organisationen nach der Tötung von Arkan Hussein Khalaf in Celle, 10. April 2020

Relevante Presseberichte über die Tötung eines 15-jährigen Êzîden in Celle

NSU-Watch: Aufklären & Einmischen #45, 26. April 2020
15-Jähriger getötet: Verdächtiger in Psychiatrie, in: ndr.de vom 24. April 2020
Tatverdächtiger bestreitet rassistische Motive, in: ZEIT online vom 24. April 2020
»Wir sind über das Wasser gekommen und hier in Blut ertrunken«, in: Neues Deutschland online vom 19. April 2020
Flucht vor dem Völkermord endet in Deutschland tödlich, in: WELT online vom 19. April 2020
Kommentar: Politisches Tatmotiv? Tod eines Jungen in Celle: Die Sprache entlarvt die Blindheit der Behörden gegenüber Rassismus: in: Frankfurter Rundschau online vom 15. April 2020
Motiv Rasissmus? Nach tödlichem Messerangriff auf 15-jährigen Geflüchteten in Celle schweigt der Täter, in: Neues Deutschland online vom 15. April 2020
Celle: Ist Hass Motiv für tödliche Messerattacke? In: ndr.de vom 14. April 2020
Tödlicher Angriff auf Iraker in Celle: Rassistischer Hintergrund? In: taz online vom 14. April 2020
Totschlag in Celle: Polizei schließt rechten Hintergrund nicht aus, in: Redaktionsnetzwerk Deutschland online vom 14. April 2020
Tödliche Attacke in Celle : Eine rassistische Tat? In: Frankfurter Allgemeine Zeitung online vom 14. April 2020
Totschlag in Celle: Aus Hass erstochen? In: ZEIT online vom 09. April 2020

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