IQ Fachtag „Gemeinsam stärker“ – Bericht

Über 100 Personen besuchten am 12. November 2018 den Fachtag „Gemeinsam stärker! Rassismuskritik und Empowerment in der Beratungs- und Projektarbeit mit geflüchteten Frauen“. Dies zeigt uns einmal mehr, wie groß das Interesse an dem Themenfeld ist, auch wenn es in der öffentlichen Debatte nach wie vor wenig Raum findet.

Mit dem Fachtag haben wir uns einem Themenfeld gewidmet, was komplexer nicht sein kann: Mehrfache Formen der Diskriminierung treffen aufeinander, und die eigene Haltung und die Reflexion der professionellen Rolle werden um so wichtiger. So sagte die Migrationsforscherin Prof. Dr. Sabine Hess einmal: „ […] Beide soziale Kategorien und Machtverhältnisse Gender und Migration – sind (weiterhin) massiv gesellschaftlich platz anweisend und produzieren bzw. beinhalten soziale Ungleichheiten und Diskriminierungsverhältnisse.“ Viele Dinge gilt es dementsprechend wahr zu nehmen, anzuerkennen, zu berücksichtigen, zu analysieren, anzusprechen und miteinander zu denken, vielleicht auch neu zu denken. Es ist ein Balanceakt zwischen der Anerkennung von Ungleichheiten und dem gegenseitigen stärken und lernen voneinander.

Mit diesem Fachtag wollten wir Räume schaffen, um voneinander zu lernen. Wir haben unsere Rolle als Hauptamtliche in den Blick genommen, und über Zugangsmöglichkeiten, Macht und Diskriminierungen gesprochen. Wohl wissend, dass es zahlreiche Spannungsfelder gibt, die sich auftun, in denen wir uns in der täglichen Arbeit bewegen und wovon der Fachtag keine Ausnahme war.

In ihrem Einführungsvortrag „Der verstellte Blick durch die Kulturbrille“ machte Prof. Dr. Nivedita Prasad deutlich, dass durch Kulturarisierung – dem Versuch Verhaltensweise als kulturelle Prägung zu definieren – soziale und ökonomische Faktoren, die eine große Rolle spielen, außer acht gelassen werden. Kulturalisierung geschehe vor allem bei devianten Verhalten des konstruierten „Anderen“. Den Menschen werde nicht nur jegliche Individualität abgesprochen, es können so auch die migrations- und milieuspezifischen Aspekte nicht mehr erkannt werden. 

Die Empowermenttrainerin Fatuma Musa Afrahbat in ihrer Rede darum, den Ausdruck „Geflüchtete“ durch „Newcomers – Neu angekommene“ zu ersetzen. Frauen, die auf der Flucht waren und sind, sollten nicht nur auf den Umstand der Flucht reduziert werden. „We come from somewhere. Not from nowhere“, so ihr Ausspruch. Sie wies nochmal darauf hin, dass Bildung und Wissen die Grundlage jeder Entwicklung sei und daher der Zugang dazu so wichtig ist.

Wir danken allen fünf Projekten aus Niedersachsen, die auf dem Fachtag ihren Ansatz von Empowerment vorgestellt haben. Es hat sich gezeigt, dass es eine Vielzahl von engagierten und funktionierenden Projekten für geflüchtete Frauen und Mädchen gibt, deren Erhalt allerdings stets auf prekären finanziellen Füßen steht.

Mit einem vielfältigen Workshopangebot sind wir vertiefend in Spannungsfelder innerhalb der Projektarbeit eingestiegen. Mit DaMigra sind wir über Weichenstellungen in der Projektplanung  ins Gespräch gekommen, welche zu erfolgreichen diskriminierungskritischen Projekte mit geflüchteten Frauen führen können. In dem Workshop von Verena Meyer konnten sich Hauptamtliche austauschen und vernetzen, die selber negative Rassismus- und/oder Antisemitismuserfahrungen erleben. Mit einen rassismuskritsichen Umgang mit Sexismus in der Beratungsarbeit setzten sich Teilnehmende im Rahmen des Workshops von Christin Kavermann vom IQ Projekt Diversity Management Niedersachsen, RKW Nord GmbH auseinander. Ferner war die mehrfache Diskriminierung von geflüchteten Frauen auf dem Arbeitsmarkt das Thema des letzten Workshops, geleitet von Asal Akhavan, Teresita Cannella, trixiewiz e.V. und Andrea Hasheider, IQ Projekt Faire Integration Niedersachsen, RKW Nord GmbH.

Eindrücke aus den Workshops:

Der Fachtag wurde organisiert durch:

Laura Müller, Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V., Projektreferentin Projekt AMBA „Aufnahmemanagement und Beratung für Asylsuchende in Niedersachsen“, Arbeitsschwerpunkt: Kommunalen Aufnahme von geflüchteten Menschen und Gewaltschutzkonzepte.

Vivien Hellwig, Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V., Projektreferentin IQ Projekt „Fokus Flucht“, Integration durch Qualifizierung, Arbeitsschwerpunkt: Arbeitsmarktintegration Geflüchteter Frauen, Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse.

Empowermentprojekte in Niedersachsen

Internationale Frauen Gruppe Exil e. V., Osnabrück
Die Internationale Frauengruppe wurde bereits 1986 von Ruth Gonzalez in Osnabrück gegründet und gehört zu den Fundamenten des Vereins. Am Anfang bestand die Gruppe aus Frauen, die vor allem aus Serbien, Bosnien, Kosovo und afrikanischen Ländern kamen. Im Jahr 2000 kam Rosa Friesen (Leiterin von 2008-2018) zur Gruppe.
Von Anfang war es ein wichtiges Ziel der Gruppe, Frauen Zugang zu Informationen zu ermöglichen durch Sprachkurse, Erfahrungsaustausch, einen Begegnungsort. Die Internationale Frauengruppe unternimmt regelmäßig Aktivitäten, die für die Teilnehmerinnen kostenfrei sind. Das kann der Besuch eines Museums, eines Konzerts, des Botanischen Gartens oder eines Festes sein. Die Gruppe versteht sich als Arbeitskreis, dem jede interessierte Migrantin oder Einheimische beitreten kann. Die monatlichen Treffen haben jeweils ein bestimmtes Thema, zu dem diskutiert wird und Fragen gestellt und beantwortet werden. So wurden z.B. Deutschkurs-Dozentinnen und Sozialarbeiterinnen eingeladen. Die Frauengruppe hat viele Aktionen gestaltet wie internationale Wochen, politische Aktionen, interreligiöse Treffen oder auch Theater- und Tanzprojekten.Solidarität ist ein Grundprinzip der Frauengruppe. Heutzutage erfreut sich die Gruppe über Frauen aus aller Welt und wird seit Frühjahr 2018 von Eugenie Becker und Nadine Böttcher geleitet.

QUFA, Exil e. V., Osnabrück
Mit dem Projekt „Qualifizierung geflüchteter Frauen für den Arbeitsmarkt (QUFA)“ bieten wir geflüchteten Frauen die Möglichkeit, sich auf das Berufsleben in Deutschland vorzubereiten. In dem Projekt stellen wir den Arbeitsmarkt und das Arbeitsleben in Deutschland sowie verschiedene Berufsfelder und Arbeitgeber in der Region vor.

Hotspot of Power, Hannover und darüber hinaus
Hotspot of Power ist:…ohne dumme Fragen, wie: „Wo kommst denn wirklich her?“…von und für Jugendliche und junge Erwachsene of Color…für eine rassimus- und diskriminierungsfreie Gesellschaft…für alle im Alter von 16-27, die Rassismus erfahren…das angesagteste Jugendnetzwerk ever…chillen mit coolen Leuten…Projekte planen…EmPowerment…unterstützend…organisieren…CommUnity…vorbildlich…wachsend…engagiert…vernetzen…Wakanda…Selfcare…Bildung…Heilung…L.O.V.E.…on fleek…Zukunft…familiär…kreativ…stark…lit… Hotspot of Power wird unterstützt vom Mädchenhaus zwei13 e.V. und der „»ju:an« -Praxisstelle der Amadeu Antonio Stiftung.

EQUAL*, Hannover
Die Gruppe EQUAL* von und für Mädchen* und junge Frauen, die vor kurzem oder längerem nach Deutschland gekommen sind. Die Gruppe wird unterstützt vom Mädchenhaus zwei13 e.V. und der „»ju:an« -Praxisstelle der Amadeu Antonio Stiftung.

SUANA (Frauenberatung), Kargah e.V., Hannover
Suana ist eine Beratungsstelle für von häuslicher Gewalt, Zwangsheirat und Stalking betroffene Migrantinnen. Ratsuchende Frauen haben die Möglichkeit, sich in ihrer Ganzheit mit multilingualem Ansatz beraten zu lassen. Dabei wird der jeweils spezifische kulturelle Kontext der betroffenen Frauen be­rücksichtigt. Hemmschwellen und Berührungs­ängste der Migrantinnen vor Hilfsangeboten im Kontext häuslicher Gewalt werden dadurch reduziert. Unsere Beratungsangebote richten sich an Migrantinnen und Flüchtlingsfrauen (ab 16 Jahren, in Ausnahmefällen auch ab 14 Jahren). Die Beratungen sind kostenlos und werden vertraulich behandelt.

„Frauen(t)räume – Räume für Frauen“, Celle
„Frauen(t)räume“ sollen maximal geöffnet sein. Eine Woche könnte so aussehen: Montags Gartenprojekt und offene Sprechstunde; Mittwochs Sprechstunde und Teestube als niedrigschwelliges Kommunikationsangebot; Donnerstags selbstverwalteter Nachbarschaftsselbsthilfetreff und abends Veranstaltungen zur beruflichen Entwicklung (u.a. Fit für den Job/Zurück in den Beruf) sowie Diskussionsrunden, Freitags Selbsthilfetreff Body&Soul. Dienstags und am Wochenende wird das Zentrum spontan für selbstverwaltete Aktivitäten genutzt. Kinder nutzen das Kinderspielzimmer/den Garten unter mütterlicher Aufsicht bzw. bei speziellen Veranstaltungen mit Betreuung. 2019 sollen mehr Frauen mit und ohne Fluchthintergrund zusammenkommen und sich gegenseitig stärken, die Nutzerinnen der Frauen(t)räume sollen Vorreiterinnen für Integration im Quartier werden.

Partizipative Gesprächsrunden mit geflüchteten Frauen*, Göttingen
Ein Projekt vom Frauen Notruf – Beratungs- & Fachzentrum sexuelle und häusliche Gewalt Göttingen und dem Forschungsprojekt „Gender, Flucht, Aufnahmepolitiken (Universität Göttingen)
In einer interprofessionellen Zusammenarbeit haben der Frauen-Notruf Göttingen und das Forschungsprojekt „Gender, Flucht, Aufnahmepolitiken“ (Universität Göttingen) Gesprächsrunden mit geflüchteten Frauen veranstaltet, um die Perspektiven geflüchteter Frauen* auf Ankunfts- und Aufnahmepolitiken zu erheben und zu stärken. Die vier Säulen des Projekts sind Partizipation, Interprofessionelle Kooperationen, Traumasensibilität und Empowerment. Die Ergebnisse Gesprächsrunden werden aktuell, im Rahmen einer Broschüre zu vergeschlechtlichen Aufnahmepolitiken, in Kooperation mit zahlreichen weiteren Praktiker_innen (Niedersächsischen Flüchtlingsrat, bff, medica mondiale, women in exile, u.a.) ausgewertet und veröffentlicht. Die Broschüre soll sowohl eine praktische Anleitung sein, um traumasensibel, empowernd und partizipativ Forderungen und Schwierigkeiten niedrigschwellig zu erheben, als auch Überblickswissen und Argumente für konkreten Handlungsbedarfe und politische Forderungen bieten.

Referentinnen, IQ Fachtag „Gemeinsam stärker“, 12.11.2018

Prof. Dr. Nivedita Prasad, Professorin für Handlungsmethoden und genderspezifische Soziale Arbeit, Alice-Salomon-Hochschule, Berlin.
Nivedita Prasad, hat an der FU Berlin Sozialpädagogik studiert und an der Carl von Ossietzky Universität in Oldenburg promoviert. Von 1997 bis 2013 war sie Projektkoordinatorin bei Ban Ying – einer Beratungs- und Koordinationsstelle gegen Menschenhandel. Seit 2010 leitet sie den Masterstudiengang „Soziale Arbeit als Menschenrechtsprofession“. 2012 wurde ihr der Anne-Klein-Preis der Heinrich Böll-Stiftung – für ihr Engagement gegen Menschenrechtsverletzungen an Migrantinnen – verliehen. Seit April 2013 ist sie Professorin an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Frau Prassad ist Mitautorin des Positionspapiers „Soziale Arbeit mit geflüchteten in Gemeinschaftsunterkünften – Professionelle Standards und sozialpolitische Basis“.

Fatuma Musa Afrah, Menschenrechtsaktivistin, Trainerin für Empowerment, United Action e.V.
Fatuma Musa Afrahs Herz schlägt für ein faires Miteinander – besonders dort, wo Menschen neu ankommen und Heimaten sich ändern. Ihre Schwerpunkte sind die Stärkung von Frauen, Menschenrechte, Integration und der Zugang zu Information. Dafür bringt sie leidenschaftlich ihre Erfahrung ein, sei es in Berlin, Somalia, Kenia oder Brandenburg. Mitte 2014 kam Fatuma nach Deutschland. Inzwischen ist sie zu einer wichtigen Beraterin von Politik und Zivilgesellschaft geworden. Aktuell gründet sie mit Hilfe der Robert-Bosch-Stiftung ihre eigene Organisation: United Action e.V.

Dr. Delal Atmaca, Geschäftsführerin DaMigra e.V.
DaMigra e.V.: Der Dachverband agiert seit 2014 als bundesweiter herkunftsunabhängiger und frauen*spezifischer Dachverband von Migratinnen*organisationen. DaMigra ist parteipolitisch, weltanschaulich sowie konfessionell unabhängig. DaMigra versteht sich als Sprachrohr und Repräsentantin von 71 Migrantinnen*organisationen und setzt sich bundesweit für ihre Interessen in Politik, Öffentlichkeit, Medien und Wirtschaft ein. Das Leitmotiv und zentrale Ziel ist Empowerment, was die gleichberechtigte politische, soziale, berufliche und kulturelle Teilhabe von Migrantinnen* am gesellschaftlichen Leben in Deutschland einschließt.

Verena Meyer, Mädchenhaus zwei13 e.V.
Verena lebt und arbeitet als Beraterin für Mädchen* und junge Frauen* in Krisensituationen in Hannover. Darüber hinaus ist sie bundesweit als Trainerin und Multiplikatorin für Empowerment, rassismusmuskritische und intersektionale Bildung tätig. Als Prozessbegleiterin unterstützt und berät sie Organisationen und Projekte in den genannten Themenfeldern. Sie coacht und begleitet Fachkräfte mit eigenen Rassismuserfahrungen im Feld der Sozialen Arbeit. Ein weiteres Interessensgebiet und Schwerpunkt ihrer Tätigkeitsfelder bildet diskriminierungssensible Traumapädagogik.

Christin Kavermann, IQ Projekt Diversity Management Niedersachsen, RKW Nord GmbH
IQ Projekt Diversity Management Niedersachsen: Das IQ Diversity Team bietet interkulturelle Diversity Trainings an, um Mitarbeitende aus Unternehmen, Beratung, Bildung und Verwaltung für die Relevanz von Vielfalt im Umgang mit Menschen zu fördern und die Handlungsfähigkeit im interkulturellen Kontext zu stärken.

Asal Akhavan, Teresita Cannella, trixiewiz e.V.
trixiewiz e.V.: migrantische und feministische Organisation, Berlin
Im Mittelpunkt der Arbeit von Trixiewiz e.V. stehen Projekte, die sich an einem herrschaftskritischen Kultur- und Gesellschaftsverständnis orientieren und die eine internationale und interkulturelle Verständigung fördern. Sie sollen dazu beitragen, den interkulturellen Wissenstransfer zu ermöglichen und so einen Weg aus der Ungleichheit und Ausbeutung auf unserem Globus zu finden.Besondere Bedeutung wird dem kritischen Dialog zwischen Politik, Wissenschaft und den vielfältigen Formen von Kultur beigemessen.

Andrea Hasheider, IQ Projekt Faire Integration Niedersachsen, RKW Nord GmbH
IQ Projekt Faire Integration Niedersachsen: Das IQ Projekt „Faire Integration“ bietet geflüchteten Personen Beratung zu ihren Rechten auf dem deutschen Arbeitsmarkt an. „Faire Integration“ klärt geflüchtete Personen über ihre Rechte auf dem deutschen Arbeitsmarkt auf und hilft ihnen, diese durchzusetzen. „Faire Integration“ arbeitet eng mit anderen Beratungsstellen zusammen und informiert über Gewerkschaften in Deutschland.

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