Flüchtlingsrat Niedersachsen würdigt zivile Seenotrettung und den Kampf gegen die europäische Abschottungspolitik
Hannover, 19. September 2026. Der Flüchtlingsrat Niedersachsen verleiht den Dr. Matthias-Lange-Fluchthilfepreis 2026 an das CompassCollective aus dem Wendland. Die Initiative wird für ihre zivile Seenotrettung im zentralen Mittelmeer, die Beobachtung und Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen sowie ihren politischen und juristischen Einsatz für die Rechte von Menschen auf der Flucht ausgezeichnet. Claire Deery, Vorsitzende des Flüchtlingsrats Niedersachsen, begründet die Preisverleihung:
„Die Auszeichnung des CompassCollective ist eine Antwort auf eine europäische Flüchtlingspolitik, die den Zugang zu Schutz immer weiter erschwert und die Verantwortung für Flüchtlinge zunehmend auslagert. Während Europa seine Grenzen nach außen verschiebt, geht das CompassCollective dorthin, wo die Folgen dieser Politik sichtbar und tödlich werden. Die Trotamar III rettet Menschen, dokumentiert Menschenrechtsverletzungen und kämpft dafür, dass Gerettete nicht zurück in Gefahr gebracht werden. Damit setzt das CompassCollective der Logik der Abschottung eine menschenrechtliche Praxis entgegen.“
Die Trotamar III steht für eine einfache Grundentscheidung: Wenn Menschen in Seenot geraten, müssen sie gerettet werden. Und wenn sie gerettet sind, müssen sie an einen sicheren Ort gelangen. Diese Grundsätze gegen die zunehmende europäische Abschottung zu verteidigen, ist die besondere Leistung des CompassCollective – und der Grund für die Verleihung des Dr. Matthias-Lange-Fluchthilfepreises 2026. In ihrer Laudatio würdigt Prof. Dr. Sabine Hess, Direktorin des Zentrums für Globale Migrationsstudien (CeMig) an der Universität Göttingen, die Preisträger:
„Der Flüchtlingsrat hätte gerade angesichts der sich hierzulande verschärfenden Anti-Migrationspolitik keine aussagekräftigere Initiative finden können. Das Ringen auf dem Mittelmeer um das international verbriefte Recht auf Rettung und der sich zuspitzende Konflikt um das Recht auf Leben sind zu einem der zentralen Kristallisationspunkte der gegenwärtigen Auseinandersetzung um eine offene, menschenrechtsbasierte und demokratische Gesellschaft geworden.
Ob das Mittelmeer verbindet oder zum Massengrab wird, entscheidet sich heute an der Frage, ob Europa ein mehrstufiges Abschreckungsregime der gewaltvollen Schließung durchsetzt – oder ob es den Mut findet, den Prinzipien von Menschlichkeit und Solidarität zu folgen. „Segeln gegen die Festung Europa“ macht in diesem Ringen einen Unterschied – im Ringen um Bewegungsfreiheit und um die Durchsetzung des Rechts auf Rettung und der Ausschiffung in einen Hafen, der Sicherheit verspricht.“
Menschen retten, wo Europa abschottet
Seit August 2023 ist das CompassCollective mit der Trotamar III im zentralen Mittelmeer aktiv. Das 13 Meter lange Segelboot führt regelmäßige dreiwöchige Einsätze durch. Die ehrenamtlichen Crews beobachten die Situation auf See, suchen nach Booten in Seenot, alarmieren Rettungsstellen, unterstützen größere Rettungsschiffe und führen, wenn notwendig, selbst Rettungen durch. In bislang 24 Einsätzen hat die Trotamar III dazu beigetragen, dass 2017 Menschen von der italienischen Küstenwache gerettet wurden, 423 wurden direkt an Bord genommen und nach Lampedusa gebracht.
„Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die ohne Hilfe möglicherweise nicht überlebt hätten. Genau deshalb ist Seenotrettung keine Frage von Migrationssteuerung, sondern eine Frage des Menschenrechts auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Ein Mensch in Seenot muss gerettet werden – unabhängig davon, warum er aufgebrochen ist und welchen Aufenthaltsstatus er später haben wird.“, so Claire Deery
Ein Preis für praktische Solidarität und politischen Widerstand
Mit dem Dr. Matthias-Lange-Fluchthilfepreis würdigt der Flüchtlingsrat Niedersachsen nicht allein die Zahl der geretteten Menschen. Ausgezeichnet wird die Verbindung von praktischer Hilfe, Menschenrechtsbeobachtung und politischem Widerstand. Das CompassCollective übernimmt Verantwortung dort, wo europäische Politik Verantwortung zunehmend auslagert. Es rettet Menschen, dokumentiert das Geschehen auf dem Mittelmeer und widersetzt sich einer Politik, die Schutzsuchende möglichst früh abfangen und von Europa fernhalten will.
Hintergrund zum Preis
Der Dr. Matthias-Lange-Fluchthilfepreis erinnert an den langjährigen Vorsitzenden des Flüchtlingsrats Niedersachsen Dr. Matthias Lange, der 2006 im Alter von 56 Jahren starb. Lange war Mitbegründer des Göttinger AK Asyl und engagierte sich über viele Jahre in der Flüchtlingsarbeit und bei PRO ASYL.
Der Preis wurde erstmals 2007 verliehen. Die Preisverleihung 2026 fand am 19. September 2026 in der Katholischen Akademie Hannover statt.
weitere Informationen:
Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V.
Kai Weber, Geschäftsführer
0511/8487 9972
kw@nds-fluerat.org
Grenzenlos- People in Motion e.V.
Katja Tempel
0160- 44 00 2026
presse@compass-collective.org
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