Tod von Kamal I. nach Polizeieinsatz – viele Fragen offen

Der Tod von Kamal I. nach einem Polizeieinsatz in Harsefeld (Landkreis Stade) am 3. Oktober 2021 wirft weiter Fragen auf. Die Aussagen eines Mitbewohners legen nahe, dass die Behörden seit einiger Zeit über die psychischen Probleme von Kamal I. informiert waren, aber nicht oder nicht in erforderlicher Weise reagiert haben:

„Kamal hätte Menschen gebraucht, die ihm helfen, und nicht welche, die ihn töten.“ […] Abdul S. wirft den Verantwortlichen im Harsefelder Rathaus vor, nicht auf seine Hinweise reagiert zu haben. Seit Wochen sei I. verhaltensauffällig gewesen. Darüber habe er auch den für Geflüchtete zuständigen Mitarbeiter der Samtgemeinde informiert. „Ich habe ganz klar gesagt: Kamal ist krank. Bitte helft ihm.“
Polizei erschießt Flüchtling: Jetzt spricht ein Mitbewohner, in: Kreiszeitung Wochenbatt vom 8. Oktober 2021

Ernst genommen wurden die Warnungen offenbar nicht. Die psychologische Hilfe, die Kamal I. dringend benötigt hätte, wurde laut dem Mitbewohner von der Samtgemeinde nicht organisiert:

Noch am Montag vor den tödlichen Schüssen sei er im Harsefelder Rathaus vorstellig geworden und eindringlich darum gebeten, dass I. wegen seiner psychischen Auffälligkeiten behandelt wird, so S. „Dort hat man mir gesagt, man wisse, dass I. krank sei, und kümmere sich um die Angelegenheit.“ Die ganze Woche sei dann wieder nichts passiert. […] „Bei uns hier im Haus ist niemand von irgendeiner Behörde gewesen. Kamal hat auch keinen Arzt aufgesucht.“
Polizei erschießt Flüchtling: Jetzt spricht ein Mitbewohner, in: Kreiszeitung Wochenbatt vom 8. Oktober 2021

Die Kreiszeitung Wochenblatt kommentiert entsprechend:

„Wann reift endlich bei den Verantwortlichen beim Landkreis, aber auch in den Kommunen die Erkenntnis heran, dass es nicht ausreicht, offenbar psychisch kranke Flüchtlinge mit einem Dach über dem Kopf und etwas Geld für das Essen zu versorgen?“
Kommentar: Behörden haben im Fall des getöteten Flüchtlings versagt, in: Kreiszeitung Wochenblatt vom 8. Oktober 2021

Auch hinsichtlich des Polizeieinsatzes am 3. Oktober stellen sich Fragen. Insgesamt dreimal war die Polizei an jenem Tag vor Ort. Warum keine psychologische Unterstützung herangezogen wurde, obwohl Kamal I. psychisch auffällig war, ist erklärungsbedürftig. Derselbe Mitbewohner schilderte dem Stader Tageblatt die Abläufe am 3, Oktober:

„Wir haben gesagt, er ist krank, er muss ins Krankenhaus.“ Die Polizei sprach mit Kamal I. und fuhr wieder weg. Weil der 40-Jährige anschließend aber wieder aggressiv wurde und auch die Shisha-Pfeife eines Bewohners zerschlug, riefen die Mitbewohner die Polizei erneut, wieder mit der Bitte, Kamal I. ins Krankenhaus einzuweisen. Dieses Mal nahmen die Beamten ihn mit. Allerdings sei Kamal I. freiwillig mitgekommen, wie Kai Thomas Breas, Sprecher der Staatsanwaltschaft Stade, dem TAGEBLATT bereits am Mittwoch mitgeteilt hatte. Was bislang nicht offiziell bekannt war, was aber Altag bestätigt: Es war die Polizei, die Kamal I. am Abend wieder zurück in die Unterkunft brachte.
Mitbewohner des Getöteten: „Er war kein schlechter Mensch – nur krank“, in Stader Tageblatt vom 8. Oktober 2021

Als die Polizei ein drittes Mal gerufen wurde, endete der Polizeieinsatz tödlich. Das Netzwerk für traumatisierte Flüchtlinge (NTFN) erklärt:

„Auch wenn Details zum Tathergang noch unbekannt sind, macht der Vorfall deutlich, dass Polizist*innen dringend im Umgang mit psychisch erkrankten Geflüchteten geschult werden müssen. Fachärzt*innen, im Mindesten Psycholog*innen, müssen wenn immer möglich bei entsprechenden Einsätzen zugezogen werden.“
NTFN, Pressemitteilung vom 6. Oktober 2021

Hintergrund

Tödlicher Polizeieinsatz: Geflüchteter in Harsefeld erschossen, Meldung vom 5. Oktober 2021

Medienberichte

Mitbewohner des Getöteten: „Er war kein schlechter Mensch – nur krank“, in Stader Tageblatt vom 8. Oktober 2021

Kommentar: Behörden haben im Fall des getöteten Flüchtlings versagt, in: Kreiszeitung Wochenblatt vom 8. Oktober 2021

Polizei erschießt Flüchtling: Jetzt spricht ein Mitbewohner, in: Kreiszeitung Wochenbatt vom 8. Oktober 2021

Kontakt

Sigmar Walbrecht
0 511 / 84 87 99 73, sw@nds-fluerat.org

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