„Humanität und Anstand sind in der Gesellschaft verankert“

Ehemaliger Hamelner Landrat Bartels startet Spendenaktion für Flüchtlingshelfer in Griechenland

von Reimar Paul, evangelischer Pressedienst

Hameln/Wedemark (epd). Der frühere Hamelner Landrat Tjark Bartels (SPD) hat eine Spendenaktion für Flüchtlingshelfer_innen auf der griechischen Insel Chios gestartet. Das Geld gehe an die Organisation „Refugee Support Aegaen“ (R.S.A.) und werde „direkt und vollständig genutzt, um Familien dort zu helfen“, sagte Bartels in Wedemark dem Evangelischen Pressedienst (epd). „Das geht von der Beschaffung notwendiger Lebensmittel über rechtliche Vertretung bis zu psychosozialer Betreuung.“

Bartels war nach sechsjähriger Amtszeit im Oktober 2019 krankheitsbedingt aus dem Dienst ausgeschieden. Eine Abschiedsfeier war für den April geplant, musste wegen der Corona-Epidemie aber verschoben werden. „Das war der Moment, an dem mich entschied, die Kreisverwaltung zu bitten, den Termin gänzlich zu stornieren“, sagte Bartels. Er habe stattdessen einen Brief an seine Wegbegleiter_innen geschrieben und diesen mit dem Aufruf für die Flüchtlingsarbeit auf Chios verbunden.

2018 hatte Bartels selbst das Flüchtlingslager Vial auf Chios besucht. „Es ist etwas anderes, von hier theoretisch über Bootsflüchtlinge zu sprechen oder vor Ort zu sein oder mit Kollegen zu sprechen, die in Städten arbeiten an deren Häfen und Ständen Menschen versuchen, Rettung zu finden“, sagte er. „Auf Chios war der Gegensatz einer wunderschönen Mittelmeerinsel und diesen unfassbaren Zuständen wenige Kilometer entfernt kaum auszuhalten.“

Die Insulaner_innen hätten insbesondere 2015 und 2016 großartige Hilfe für die Geflüchteten geleistet, fügte Bartels hinzu. Ihm sei klar geworden, wie sehr nicht nur die Bundesregierung, sondern die gesamte Europäische Union diese Orte allein lasse. „Und am Ende bleibt Fassungslosigkeit und Unglaube, dass all dies in Europa möglich ist.“ Zurzeit gälten zu allem Unglück zusätzlich Quarantäne-Regeln, „die die Lager endgültig mehr zu Gefängnissen als allem anderen machen“.

Auf seinen Brief hin seien bis heute 9.000 Euro zusammengekommen, berichtete Bartels – von Einzelpersonen, Abgeordneten, Behördenvertreter_innen, Freund_innen und Organisationen. „Die Hilfe und die Spende kamen mitten aus der Gesellschaft. Auch eher konservative Menschen haben gespendet, zum Teil große Summen.“ Dies sei ein gutes Zeichen: „Die Menschen sehen das Leid und sehen auch, wie gut es uns hier trotz Corona geht.“ Und es werde bei solchen Aktionen sichtbar, „dass Humanität und Anstand in der Mitte der Gesellschaft verankert sind – entgegen allem Hass und Verteufelungen durch rechte Populisten“.

Mit Blick auf die am vergangenen Wochenende aus griechischen Lagern geholten 47 Kinder und Jugendlichen sagte Bartels, er teile die Kritik, dass diese Zahl viel zu gering sei: „Angesichts der Dauer des Elend, der gnadenlosen Überbelegung, der verlorenen Lebensjahre und Bedrohungen nicht nur durch Corona ist es beschämend.“ Gleichzeitig würdigte er die Initiative „als einen Anfang“. „Die Politik muss lernen, Vorbild für die Mehrheit zu sein“, betonte Bartels. „Die Mehrheit ist mit ihrem Wunsch nach Anstand und Humanität leiser und kaum zu hören im Geschrei und Gezeter derjenigen, die Abgrenzung, Nationalismus und Hass predigen.“ Er hoffe, dass diese rund 50 Menschen „ein Anfang sind und Wegbereiter“.

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