Glückliches Ende eines Abschiebedramas

Fotos © Erik Zöllner

Aus syrischen Kerkern zurück nach Hause

© Erik Zöllner
© Erik Zöllner

„Langenhagen/Giesen. Am 1. Februar 2011 klingeln um 4.30 Uhr Polizisten an der Haustür der Nasos in Giesen im Kreis Hildesheim. Sie haben Hunde dabei. Auf Anweisung des Landkreises sollen Bashe Hasso, ihr Mann Bedir und der 15-jährige Sohn Anuar nach Syrien abgeschoben werden. Bashe Hasso hat einen Nervenzusammenbruch. Sie darf bleiben. Zehn Jahre zuvor ist die Familie aus Syrien geflohen, weil sie dort als staatenlose Kurden verfolgt wurde. Auf den Tag genau 28 Monate später sind Anuar und sein Vater Bedir wieder auf dem Weg zurück zu ihrer Familie. Es ist 16.55 Uhr, als die Maschine der Lufthansa mit der Flugnummer LH 2098 auf dem Rollfeld in Langenhagen landet. Im Terminal warten Anuars Mutter, neun Geschwister, Nichten und Neffen – mit Freudentränen in den Augen. Freunde und Nachbarn sind gekommen, Vertreter des Niedersächsischen Flüchtlingsrates und etliche Journalisten. Die Abschiebung der Nasos hat bundesweit Aufsehen erregt. Denn nach ihrer Ankunft in Damaskus werden Anuar und Bedir Naso ins Gefängnis gesteckt und immer wieder vom syrischen Geheimdienst verhört. „Mein Bruder wurde dort gefoltert und misshandelt“, sagt Anuars Schwester Shanas. In dem Land tobt damals schon der Bürgerkrieg, zwei Monate nach der Abschiebung der Nasos verhängt der Bund einen Abschiebestopp. Zu spät für die beiden. In der Ankunftshalle in Langenhagen wächst die Anspannung.
Alle Blicke sind auf die Treppe des Terminals A gerichtet. Kinder halten Transparente und Plakate hoch – „Willkommen zu Hause“, steht darauf. Dann setzt ohrenbetäubender Jubel ein. Anuar Naso winkt lachend den Wartenden zu, drückt sein Gesicht an die Scheibe zur Wartehalle. Sein Vater schreitet fast regungslos zum Gepäckband, er kann all das noch nicht fassen. Als er und sein Sohn nach einem Monat in Syrien freikommen, flüchten sie in Richtung Deutschland. In der bulgarischen Hauptstadt Sofia werden sie aufgegriffen. Bedir Naso kommt erneut ins Gefängnis, Anuar in ein Kinderheim. Fast ein Jahr lang. Dann warten sie Monate auf eine Rückkehrerlaubnis nach Deutschland – vergeblich. „Weil sich die Hildesheimer Kreisverwaltung und das Innenministerium in Hannover die Verantwortung gegenseitig zugeschoben haben“, sagt Kai Weber, der Geschäftsführer des Niedersächsischen Flüchtlingsrates. Als sich die Tür zur Ankunftshalle A öffnet, spielen sich bewegende Szenen ab. Bashe Hasso bricht in Tränen aus, weint hemmungslos. Anuar Naso umarmt seine Mutter, drückt sie fest an sich, streicht ihr zärtlich über den Kopf. Seine Geschwister umringen ihn, greifen nach seinen Armen. „Ich kann das noch nicht glauben“, entfährt es ihm. Sein Vater geht wie betäubt durch die Halle, schüttelt fast schüchtern die Hände. Ohne die Unterstützung vieler Menschen, des Flüchtlingsrates und des neuen Innenministers Boris Pistorius wären Anuar und Bedir Naso kaum aus ihrer hoffnungslosen Lage herausgekommen. Der Flüchtlingsrat hat, wie im Fall Gazale Salame, alle Hebel in Bewegung gesetzt, um die „unmenschliche Abschiebung“, so Weber, rückgängig zu machen. Anuars Schwester Schanas organisiert im Internet eine Online-Petition, die bis heute 18.232 Menschen unterschrieben haben. Im Januar legt sie fast 12700 Unterschriften dem damaligen Ministerpräsidenten David McAllister vor. Er sichert zu, sich den Fall anzusehen. Kurz darauf ist er nicht mehr im Amt. Als Shanas Naso die Petition im April Pistorius übergibt, verspricht er zu helfen.

Der SPD-Politiker hält Wort. In der Ankunftshalle ist das Blitzlichtgewitter der Fotografen erloschen, da geht auch Gazale Salame auf Anuar und Bedir Naso zu. Die 33-Jährige durfte Anfang März mit ihrem Sohn Gazi und Tochter Schams acht Jahre nach ihrer Abschiebung in die Türkei zu ihrer Familie zurückkehren. „Ich weiß, wie euch zumute ist“, sagt sie leise. Der erste Weg der Familie Naso führt vom Flughafen zum Friedhof in Langenhagen. Sie besucht das Grab des Bruders von Bedir Naso. Er ist vor zwei Wochen gestorben. Zu Hause in Giesen feiern die Nasos ihre ganz persönliche Wiedervereinigung. „Heute ist der glücklichste Tag in unserem Leben“, sagt Schanas Naso und schmiegt sich an ihren Bruder Anuar.“
03.06.2013 / HAZ Seite 5 Ressort: NIEDERSACHSEN

Kommentar: Skandalös war nicht nur die Abschiebung vor 28 Monaten ohne Ankündigung des Termins und unter Inkaufnahme einer Familientrennung, sondern v.a. auch die Tatsache, dass die Verwaltung selbst dann noch eine Rückkehr mit perfider Hinterfotzigkeit zu hintertreiben versuchte, als klar war, dass die Abschiebung Anuar Naso in den syrischen Folterkeller führte. Nicht einmal als Anuars Vater in Bulgarien völkerrechtswidrig inhaftiert wurde und Anuar in einem ihm fremden Land, ohne bulgarische Sprachkenntnisse, auf sich allein gestellt war, gab es die Bereitschaft des Landkreis Hildesheim, den Jungen zu seiner Familie einreisen zu lassen. Dieses – von Landrat Wegner (SPD) und dem ehemaligen niedersächsischen Innenminister Schünemann (CDU) gedeckte – Fehlverhalten einer Behörde, die die Verantwortung für den Skandal allen anderen, vor allem den Opfern ihrer Verwaltungspraxis anlastete, aber nie bei sich selbst suchte, macht deutlicher als alles andere, dass sich an der Spitze des Landkreis Hildesheim etwas grundlegend ändern muss. Die Stelle des neuen Ordnungsdezernenten ist neu ausgeschrieben worden – eine Chance für einen Neuanfang. Vielleicht befördert ja der vom neuen Innenminister Boris Pistorius ausgerufene Paradigmenwechsel in der Flüchtlingspolitik die Bereitschaft auch des Landkreis Hildesheim, endlich eine grundlegende Kursänderung vorzunehmen.   Kai Weber

siehe auch:
Bericht in der HAZ 03062013
Bericht in der Süddeutschen Zeitung
Interview mit Anuar Naso: HAZ 03062013_Interview
TV- Beitrag NDR: NDR-Bericht vom 01.06.2013

Bericht in KEHRWIEDER am Sonntag vom 09.06.2013

 

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