Erfahrungsbericht: Frau H..

Hallo, ich heiße H., ich komme gerade aus Bramsche. Bevor ich anfange, möchte ich sagen, dass ich heute illegal hier bin. Der Grund: ich habe eine Reiseerlaubnis beantragt, ich wollte gerne zu dieser Veranstaltung kommen und teilnehmen. Die Ausländerbehörde im Lager hat diese Genehmigung heute morgen abgelehnt. Für mich ist es sehr wichtig, dass ich heute hier teilnehme. Und ich bin sehr froh darüber, hier zu sein.

Zuerst möchte ich erzählen, wie ich nach Deutschland gekommen bin. Zunächst sind mein Vater und mein Bruder nach Deutschland gekommen und haben einen Asylantrag gestellt. Später kamen meine Mutter, meine Schwestern und ich nach Deutschland. Wir kamen nach Oldenburg. Dort haben wir einen Asylantrag gestellt. In Oldenburg sind wir zwei Monate geblieben und wurden dann nach Bramsche geschickt. Dort haben wir einen Umverteilungsantrag gestellt, damit wir zusammen mit meinen Eltern wohnen können. Das Bundesamt hat diesen Umverteilungsantrag nur für meine Mutter und meine minderjährige Schwester akzeptiert. Für mich und meine andere Schwester wurde der Antrag vom Bundesamt mit der Begründung abgelehnt, dass wir über 18 Jahre alt sind. Mit dieser Situation haben meine Schwierigkeiten im Lager Bramsche begonnen: wir haben mehrere Umverteilungsmechanismen gestellt, damit wir als Familie in einem Haus zusammen leben können. Leider haben wir bisher nur Absagen und Ablehnungen gekommen.

Ich möchte hier klarstellen: Vorher habe ich in der Heimat nur mit meiner Familie gelebt, das heißt, es herrschte bei uns zu hause ein Familienleben. Und dann komme ich hier her und man trennt uns. Das verstehe ich nicht! Seit zwei Jahren und fünf Monaten bin ich hier und seit dieser Zeit bin ich von meiner Familie getrennt. Meine Eltern wohnen in Mönchengladbach. Und ich wohne mit meiner Schwester in Bramsche. Und das größte Problem für uns ist, eine Reiseerlaubnis zu bekommen, damit wir die Familie besuchen können. Das ist aber nur eines von mehreren Problemen.

Wir werden täglich unter Druck gesetzt. Ich verstehe, wenn der Gesetzgeber sagt, ich bin über 18 Jahre alt, ich bin volljährig, ich kann alleine leben. Das kann ich als Tatsache auch akzeptieren. Aber dass man uns so auf diese unmenschliche Art trennt, unmenschlich behandelt, unwürdig auch im Leben behandelt, das kann ich nicht akzeptieren. Das ist nicht richtig. Was ich täglich im Lager erlebe, kann ich als unmenschlich bezeichnen: Unterdrückung und Schikane. Wir haben auch keine Lebensqualität.

Ich möchte, wie gesagt, meine Familie besuchen, mit meinen Geschwistern zusammen zu Hause sein. Und das können wir nicht erleben. Für meine Familie ist es auch sehr schwierig mich zu besuchen. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Ich habe einen Bruder, der ist sehr krank, er braucht Pflege. Deshalb müssen meine Eltern zu Hause bleiben. Meine kleine Schwester muss die Schule besuchen, das ist auch ein Hindernis. Seit vier Monaten habe ich meine Familie nicht gesehen. Und ich glaube, jeder Mensch, jeder von uns hier braucht seine Familie, braucht seine Angehörigen. Das ist ein Problem für mich.

Ich kann aus diesem Lager nicht herausgehen, ich habe keine Möglichkeit meine Rechte kennenzulernen. Es gibt keine Beratung für mich, ich weiß nicht was für Möglichkeiten es für mich gibt, um meine Situation zu verstehen. Es ist sehr schade, dass wir unsere Rechte nicht kennen. Was die medizinische Versorgung betrifft, haben wir den Eindruck, es gibt mehrere ßrzte, die vielleicht Verträge mit dem Sozialamt oder der Behörde im Lager haben. Und wir haben das Gefühl, die ßrzte und die Lagerbehörde arbeiten sehr eng zusammen, so dass ich kein Vertrauen habe zu diesen ßrzten, die wir besuchen müssen.
Es geht nicht nur um Vertrauen zwischen mir und dem Arzt, es geht darum, dass ich kein Vertrauen habe zu dem Arzt oder den ßrzten, weil ich meine, dass sie über Verträge eng mit der Lagerbehörde zusammenarbeiten. Wenn der Arzt mir ein Medikament verschreibt und das Medikament ist vielleicht zu teuer, dann muss ich noch mal zur Lagerverwaltung, zum Sozialamt und nochmal nachfragen und eine Genehmigung einholen. Manchmal wird mir die verwehrt.

Die wirtschaftliche und soziale Situation im Lager ist sehr schlecht: Wir sind Menschen aus sehr vielen Ländern. Es ist sehr schwer möglich, dass so viele Menschen aus vielen Ländern, verschiedenen Kulturen ohne Probleme alle an einem Ort zusammen leben. Das tut mir Leid, aber es ist so: Vielleicht will ich mit ihnen nichts zu tun haben. Aber in dieser Situation bin ich gezwungen, mit ihnen zusammen zu leben.

Seitens der Ausländerbehörde erleben wir täglich viele Schikanen und Unterdrückung. Am Anfang, als ich nach Bramsche kam. waren mehrere Sachbearbeiter im Lager nett und höflich zu mir. Sie wollten mit mir über mein Asylverfahren reden. Und ich dachte, sie wollen mir helfen. Aber später stellte sich das Gegenteil heraus.

Ich glaube, für jeden Einzelnen von uns ist es wichtig das Gefühl zu haben, dass wir in Sicherheit leben. Dieses Gefühl habe ich leider nicht. Wir leben in Angst. Dazu kommt, wir sind zwei junge Mädchen allein in diesem Lager. Sonst gibt es viele Familien und auch Einzelpersonen.

Was die wirtschaftliche Lage anbelangt, möchte ich zum Beispiel für uns selber einkaufen und kochen. Wir haben â?¬ 16,- Taschengeld pro Woche. Seit zwei Jahren und fünf Monaten lebe ich in diesem Lager. Es kann nicht sein, dass ich als Mensch täglich das gleiche Essen bekomme. Am Anfang, als ich nach Bramsche kam, war ich bereit, jeden Tag irgendwelche Tätigkeiten auszuüben, gemeinnützige Arbeiten im Lager. Da hatte ich nichts dagegen, damit ich ein wenig Geld habe und das für Nahrungsmittel ausgeben kann. Und diese kleine Möglichkeit wurde uns auch gestrichen. Zum Beispiel ist es mir nicht erlaubt, für eine Stunde Arbeit einen Euro zu bekommen. Ich arbeite eine Stunde für einen Euro und das wird mir nicht erlaubt!

Wie gesagt, es gibt Unterdrückungsmöglichkeiten und dazu gehört auch psychisch Unterdrückung. Leider kenne ich meine Rechte nicht. Die Lagerverwaltung versucht mit allen Mitteln zu verhindern, dass wir unsere Rechte kennen. Und es gibt auch keine anderen Möglichkeiten für uns. Ich will ein konkretes Beispiel nennen: Vor ein paar Monaten war ich krank und ich war bei einem Arzt. Aber ich wollte auch eine zweite Meinung von einem anderen Arzt einholen. Leider war mir das nicht möglich. Und nach einer langen Zeit und zweier Operationen in einem Krankenhaus wurde mir klar: Normalerweise hätte ich das Recht, zu einem anderen Arzt, zu einem Facharzt zu gehen. Warum hat mir die Lagerverwaltung das verweigert?

Auch die Verhältnisse zwischen den Menschen im Lager sind schwierig. Es sind Menschen aus verschiedenen Kulturen. Wir alle werden täglich unter Druck gesetzt. Die Lage ist immer gespannt. Und man merkt, dass manche Menschen miteinander nicht umgehen können und es eskaliert. Dazu kommt, dass wir keinen Kontakt zu Menschen außerhalb des Lagers haben. Das heißt, wir leben kein normales Leben. Und besonders wir als junge Frauen sind dadurch beeinträchtigt.

Ich habe nun fast alles erzählt. Ich habe auch über meine Situation erzählt. Vielleicht habe ich das eine oder andere vergessen, ich bin auch ein bisschen aufgeregt, es tut mir Leid. Ich möchte mich bei allen bedanken, die mir geholfen haben, dass ich heute hier bin und an dieser Veranstaltung teilnehmen kann. Danke sehr.

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