Migranten beklagen hoffnungslose Bedingungen im Zeltdorf von Hal Far

MALTA TODAY vom 06.01.08 – ßbersetzung von Wolfgang EngmannDAVID DARMANIN – Während nach den Festtagen eine kalte Wetterperiode die maltesischen Inseln heimsucht, bitten die Bewohner des „Offenen Zentrums für Flüchtlinge“ von Hal Far die Regierenden um eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen.

Untergebracht in der Einrichtung von Hal Far sind fast 1.000 Flüchtlinge in Zelten, in denen eingepfercht jeweils bis zu 30 Etagenbetten stehen. Um die Privatsphäre zu wahren und als eine Art Sichtschutz, ist jedes Bett von einer Umhüllung umgeben. Wasser gibt es nur in einer zentralen überdachten Toiletteneinrichtung, in der die Bewohner auch Geschirr und Kochutensilien waschen können. Kochplatten (wenn vorhanden) bieten die einzige Heizmöglichkeit in den Zelten, in denen die Temperaturen im Winter sehr niedrig und in den Sommermonaten extrem heiß sind.

Es erübrigt sich zu betonen, dass die angewandten Heizmethoden das Feuerrisiko beträchtlich erhöhen. Ansonsten stehen in den Zelten als weitere Haushaltsgeräte nur ein paar Kühlschränke zur Verfügung, die man sich teilen muss.

Alle fünfzehn Bewohner, mit denen Malta Today sprach, beklagten sich über die unerträgliche Kälte, die aus den Zelten nicht herausgehalten werden kann.

Während sie zugibt, dem Ministerium seien die Zustände in Hal Far bekannt, rechtfertigt die Ministerin für Familie und Soziale Solidarität Dolores Cristina die regelmäßigen Stromausfälle in der Einrichtung und sagt, die gesamten elektrischen Installationen seien vollständig renoviert worden. „Das Problem der ßberbelastung bleibt bestehen, da die Bewohner die Haushaltsgeräte willkürlich einsetzen.“

„Ungefähr 1.000 von ihnen leben in Hal Far unter Bedingungen, die von wünschenswert weit entfernt sind. Die Bedürfnisse einer solch großen Anzahl sind aber auch eine schwierige Angelegenheit. Die Wetterbedingungen in diesem Winter waren miserabel und haben offensichtlich zu größeren Problemen geführt“, sagte Cristina.

Im Zeltdorf gibt es keine wirklichen Freizeiteinrichtungen. Während einige Bewohner entschlossen sind, eine Beschäftigung zu finden und immer noch positiv eingestellt sind, haben einige andere die Hoffnung aufgegeben und resigniert. Es besteht ein allgemeines Gefühl von Resignation und Langeweile – viele bemühen sich nicht, und nur einige wenige scheinen über die nötige Motivation und erforderliche Qualifikation für eine richtige Arbeitssuche zu verfügen.

Mustafa, ein 35-jähriger Bewohner aus Somalia, sagt: „Hier gibt es kein warmes Wasser, und die einzigen Schuhe, die ich besitze, sind die Sandalen, die ich gerade trage. Ein Jackett habe ich bekommen, aber es ist mir noch nicht gelungen, an Schuhe zu kommen. Das meiste meines Unterhaltsgeldes gebe ich für Transport aus, da ich oft auf Arbeitssuche bin. Manchmal reicht das Geld nicht mal fürs Essen, geschweige denn für Schuhe. Nach fünf Monaten im Internierungszentrum von Ta’Kandja habe ich nun meine Freiheit, aber ich bin mir nicht sicher, ob ich die jetzt noch will – ich wäre lieber wieder dort. Ich hatte da zwar keine Freiheit, aber ich hatte ein Obdach.“

Adam, ein 43-jähriger Sudanese erzählte Malta Today: „Ich bin mit meiner ganzen Familie nach Malta gekommen. Ich wünschte, ich hätte das Geld, um nach Italien, Deutschland oder England auszureisen. Mein Problem ist es, dass ich nach fünfzehn Monaten noch immer keine Arbeit in Malta gefunden habe.“

Andererseits hat ein weiterer Sudanese, der 26-jährige Adam Abdullah, eine Stelle im Baugewerbe gefunden. Aber man schuldet ihm noch â?¬ 1.061 (450 maltesische Pfund) für 42 Tage Arbeit. Als er der ETC (Employment & Training Corporation; offizielle maltesische Vermittlungs- und Ausbildungsgesellschaft für Arbeitsuchende, d. ßbers.) (die ihm ursprünglich dabei geholfen hatte, die Stelle zu bekommen) von den noch ausstehenden Lohnzahlungen berichtete, wurde er gebeten, dies der Polizei zu melden. Die wiederum schickte ihn zur ETC zurück.

Ein ähnlicher Fall ist der von Abdullah Omar, einem 24-jährigen Somalier. Im zweiten von vier im Internierungszentrum verbrachten Monaten klagte er über ernste Schmerzen im Knie, die aber auch in den nächsten beiden Monaten ignoriert wurden. Er erhielt keine medizinische Hilfe, bis er in das „Offene Zentrum“ umzog, von wo aus er wegen eines Blutergusses im Kniegelenk zu einer Operation in das Krankenhaus Mater Dei gebracht wurde. Da diejenigen mit einem Flüchtlingsstatus Anspruch auf kostenlose medizinische Behandlung haben, bat Omar um die Versorgung mit den verschriebenen Medikamenten, die er für seine Nachbehandlung benötigte. Von Mater Dei wurde er ordnungsgemäß in die Polyklink in Floriana geschickt, von dort wiederum zurück zu Mater Dei. Bis heute erhielt Omar keinen Termin für eine Nachbehandlung, und man weigerte sich ebenfalls, ihm vorübergehend einen Rollstuhl zur Verfügung zu stellen.

Vielleicht ist Shefili Adam Abdullah, ein weiterer Bewohner des Zelt-Ghettos, ein noch besorgniserregenderer Fall. Seit einer Kinderlähmung ist Shefili behindert und hinkt ziemlich stark. Außerdem ist er an Tuberkulose erkrankt, wofür er sich die nötigen Medikamente besorgen konnte. In der Verschreibung des Doktors wird ausdrücklich eine „angemessenere Unterbringung“ genannt, da Kälte und durch das Zelt sickerndes Wasser seiner Besserung nicht förderlich seien. Ohne Angabe von Gründen wurde sein Antrag, in das „Offene Zentrum Balzan“ verlegt zu werden, abgelehnt.

Der lächelnde Mustafa, ein mit Schlips und Jackett bekleideter 28-jähriger Somali, der die englische Sprache ganz gut beherrscht, kommentiert: „In Ta’Kandja waren die Bedingungen nicht so schlecht, aber ich bin sicher, hier sind sie besser, obwohl ich das noch nicht beurteilen kann, da ich eben erst vom Internierungszentrum gekommen bin. Meine Aussicht, in Malta einen Arbeitsplatz zu finden, beurteile ich positiv.“

Um einen Kommentar zu den schlechten Bedingungen im Zentrum gebeten, sagte die Ministerin für Familie und Soziale Solidarität, die für die „Offenen Zentren“ verantwortlich ist:

„Es wurden bereits neue Zelte bestellt, und diese sollten demnächst eintreffen. Die Lebensdauer dieser Zelte ist ziemlich kurz, und wir haben deshalb auch einige geordert, die von besserer Qualität sind und dem rauen Wetter besser widerstehen. Die Kosten dafür belaufen sich natürlich auf mehr als das Dreifache.“

„Wir ziehen auch die Beschaffung von Fertigbaueinheiten in Betracht. Aber diese Einheiten müssen im Ausland bestellt werden, sind sehr teuer und benötigen eine intensive Wartung. Nichtsdestotrotz stellen wir entsprechende ßberlegungen an. Weiterhin werden Arbeiten an den Standflächen durchgeführt, um Wasserstaus zu verhindern. Die Bereitstellung von weiteren freien Plätzen in den „Offenen Zentren“ ist zwingend erforderlich, da immer mehr Bewohner (aus den Internierungszentren, d. ßbers.) entlassen werden.“

Für die Umsetzung der genanten Initiativen wurde jedoch kein Termin festgelegt.

„Vor kurzem gab es noch keine Pläne, eine neue massive Einrichtung zu eröffnen. Aber das Ansteigen der Zahlen und die daraus resultierende ßberbelegung mit den negativen Folgen machen dies zwingend erforderlich, und das Ministerium ist auf der Suche nach Gebäuden, die unsere Anforderungen erfüllen. Dies ist viel einfacher, da die Mitarbeiter von OIWAS (Organisation for the Integration and Welfare of Asylum Seekers = Organisation für Integration und Fürsorge von Asylsuchenden) sich aktiv um Ausweichquartiere kümmern und einige brauchbare Vorschläge gemacht haben,“ fasst sie abschließend zusammen.

OIWAS, die Organisation für Integration und Fürsorge von Asylsuchenden, ist die Regierungsbehörde, die für die Integrationsrichtlinien verantwortlich ist. Direktor Alex Tortell, um eine Stellungnahme zum restriktiven Zugang der Medien zu den „Offenen Zentren“ gebeten, kommentierte besorgt, dass es sich bei dem „Offenen Zentrum“ um ein „Privatgrundstück“ handele.

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