Hildesheim – Abschiebung mit Sitzblockade verhindert

Tageszeitung junge Welt vom 26.11.2007Abschiebung mit Sitzblockade verhindert. Schüler und Flüchtlingsgruppen stoppten Polizei in Hildesheim. Familie weiter in Gefahr

Von Reimar Paul – In Hildesheim mußten Stadtverwaltung und Polizei nach lautstarken Protesten eine Abschiebung abbrechen. Rund 60 Menschen, darunter viele Jugendliche, hatten sich am frühen Donnerstag morgen vor einem Flüchtlingswohnheim versammelt, um die am Vorabend angekündigte Ausweisung der fünfköpfigen Familie Ismailow nach Inguschetien im Nordkaukasus zu behindern. Mit Erfolg: Die Beamten zogen unverrichteter Dinge wieder ab. Die Stadt Hildesheim sagte zu, die Familie bis zur „Vorentscheidung“ über einen zwischenzeitlich gestellten Asylnachfolgeantrag nicht abzuschieben.

Die Eltern Bagaudin und Khadi Ismailow und die beiden älteren Kinder sind 2001 nach Deutschland gekommen, die jüngste Tochter wurde hier geboren. Ihre Schwester Radimkhan ist mehrfach behindert, hat Hörschäden und leidet unter Wahrnehmungsstörungen. Bruder Amir geht auf eine Realschule, er gilt dort als einer der Klassenbesten. Der Vater arbeitet als Tischler.

Der Asylantrag der Familie wurde 2003 abgelehnt. Seitdem, so ein Stadtsprecher, seien die Ismailows „vollziehbar zur Ausreise aus dem Bundesgebiet verpflichtet“. Weil sie dieser Verpflichtung nicht nachgekommen seien und die „Aufenthaltsbeendigung durch Täuschungshandlungen verhindert“ hätten, sei für Donnerstag die Abschiebung der Familie festgesetzt worden.

„Ich habe davon am Mittwoch abend erfahren und mich sofort dem Kreis angeschlossen, der gerade damit beschäftigt war, Hilfe zu organisieren“, berichtete Andreas Vasterling vom Hildesheimer Verein „Menschen für Menschen“ gegenüber junge Welt. Die Gruppe informierte die Lokalpresse und mobilisierte zu Sitzblockaden. Als die Polizei am Morgen gegen 8.30 Uhr mit einem vergitterten Bus und mehreren Mannschaftswagen zum Abtransport der Familie erschien, schallten den Beamten Sprechchöre „Keine Abschiebung“ entgegen. Auch Amir Ismailows gesamte Klasse und zwei Lehrerinnen protestierten mit Plakaten und Flugblättern. „Das hier ist jetzt wichtiger als Unterricht“, zitierte die Hildesheimer Allgemeine Zeitung die Pädagoginnen.

Der Rückzieher kam schneller als erwartet. Die Abschiebung sei ausgesetzt, erklärte die Polizei bereits nach einer Stunde und mehreren Telefonaten. Die Demonstranten quittierten die Nachricht mit Jubelrufen, einige harrten aber bis zum Nachmittag vor dem Gebäude aus. Der Niedersächsische Flüchtlingsrat mahnt weiter zur Wachsamkeit. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge könne innerhalb weniger Tage über den Nachfolgeantrag entscheiden, ein neuerlicher Abschiebeversuch mithin schon bald erfolgen.

Schreibe einen Kommentar

Jetzt spenden und unsere Arbeit unterstützen!