Sehenswert: Theaterstück „Deportation Cast“

Gestern (am 25.09.2011) lief die Premiere für die Inszenierung „Deportation Cast“ von Björn Bickers in der Regie von Peter Kastenmüller im Ballhof Zwei (Staatstheater Hannover).

Ich muss gestehen, dass ich mit einem gewissen Misstrauen nach Hannover fuhr, da ich ein gut gemeintes agit prop – Theater befürchtete, in dem die Message die Kunst in den Hintergrund drängt. Aber weit gefehlt:  Das Stück kommt ohne alle Propaganda aus. Es lässt die Beteiligten am Abschiebungsprozess für sich sprechen, ohne sie lächerlich zu machen, und ist „parteiisch“ nur insofern, als die Perspektive der abgeschobenen Familienmitglieder deutlich hervortritt. Man spürt sofort, dass der Autor sich intensiv mit dem Thema auseinander gesetzt hat und die Akteure des gesellschaftlichen Abschiebungsdramas kennt.

Das Stück spielt irgendwo in Deutschland und im Kosovo. In schnellen Schnitten werden die Welten der am „Deportation Cast“ teilnehmenden Personen nach der bereits vollzogenen Abschiebung aneinander gereiht (u.a. der alkoholkranke, unter einem Schuldkomplex leidende Roma-Vater; die bemühte, leider weisungsgebundene Sachbearbeiterin; der um die abgeschobene Freundin trauernde, seinen Vater heftig attackierende Sohn des Piloten; der leider auch nicht alleskönnende Anwalt; die hilflos mitfühlende Abschiebungsbeobachterin; der nur einen Job erledigende junge Polizeiarzt; der durch Kriegserfahrungen traumatisierte Roma-Junge usw.), was den vier SchauspielerInnen, die jede/r drei verschiedene Rollen spielen, einiges abverlangt. Die Personen handeln in ihren unterschiedlichen Lebenswelten rational. Es wird verständlich, warum sie so handeln wie sie handeln, welche äußeren Zwänge sie bestimmen und welche Beweggründe sie haben. Und dass manche der Beteiligten anders handeln könnten, auch wenn dies sie womöglich einiges kostete.

Das Bühnenbild ist spartanisch, die Darstellung  nüchtern. Kein theatralischer Aufschrei, kein flammender Aufruf zum Widerstand. Vieles wird nur erzählt, z.B.aus der Perspektive des psychisch kranken Egzon, der als Vierjähriger nach einem Überfall auf das Haus der Familie das Sprechen eingestellt hat, die Zuschauer/innen jedoch an seinen Gedanken und Beobachtungen teilhaben lässt. Das erinnert ein wenig an Lars von Trier. Diese Nüchternheit der Darstellung kontrastiert mit der offenkundigen Dramatik der Situation einer Flüchtlingsfamilie, die sich in einer Welt wiederfindet, die nicht ihre ist und in der sie keine Chance hat. Vielleicht ist die Verstörung und Verlorenheit der Betroffenen gerade deshalb so intensiv spürbar. Auch hartgesottenen Praktiker/innen im Asyldrama wird eine Gänsehaut über den Rücken laufen. Intensiv. Dicht. Grandioses Theater. Unbedingt ansehen. Vorstellungen sind am 28.09., 30.09., 02.10., 11.10., 20.10. und am 27.10., jeweils um 19:30 Uhr.

Telefonisch gibt es Infos unter (0511) 9999 2081 oder per E-Mail über
_claudia.pahl@staatstheater-hannover.de
<mailto:claudia.pahl@staatstheater-hannover.de>_

Auch das Hörspiel „Egzon“ von Björn Bicker hatte letzte woche Ursendung im Bayerischen Rundfunk und steht jetzt zum kostenlosen download bereit.
http://www.br-online.de/bayern2/hoerspiel-und-medienkunst/sendungen2011-2-br-ursendung-pool-ID1307094592377.xm

gez. Kai Weber

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