Anfang März ist die afghanische Familie Afzali aus Emden nach Schweden abgeschoben worden. Die Menschen aus dem sozialen Umfeld der Familie sind darüber erschrocken und traurig. Sie fordern, dass die Familie wieder nach Emden zurückkehren darf.
Der Fall der Familie Afzali verdeutlicht exemplarisch die Irrationalität eines Europäischen Asylsystems, das die Abschiebung in das für die Durchführung des Asylverfahrens gemäß der Dublin III – Verordnung angeblich „zuständige“ Land Schweden auch nach sechs Jahren noch für vertretbar hält. Die sechsjährigen Anstrengungen der Familie, die deutsche Sprache zu lernen und in ihrer neuen Heimat Fuß zu fassen, aber auch die Bemühungen der Stadtverwaltung und der vielen Unterstützer*innen sind mit der Abschiebung auf einen Schlag zunichte gemacht worden. Für die Kinder ist das Erlebnis der Abschiebung und der Verlust ihres Zuhauses besonders traumatisierend: Er bedeutet einen Bruch in ihrer Entwicklung, ihren Lernprozessen und ihren sozialen Bindungen für ihr ganzes Leben.
Der Flüchtlingsrat Niedersachsen unterstützt die Bemühungen der Freund*innen und Nachbar*innen der Familie um eine Rückkehr nach Deutschland:
„Entscheidend ist doch, wo die Menschen ihren Lebensmittelpunkt haben und ohne Angst vor Verfolgung leben können. Dieser Ort ist Emden. Die Abschiebung der Familie Afzali nach sechsjährigem Aufenthalt in Deutschland hat alle Merkmale einer zweiten Vertreibung“. so Geschäftsführer Kai Weber vom Flüchtlingsrat Niedersachsen.
Der Flüchtlingsrat fordert, dass in Fällen wie bei Familie Afzali, in denen Geflüchtete – insbesondere mit Kindern – bereits faktisch Teil der Gesellschaft geworden sind und ihr Zuhause in Deutschland gefunden haben, das BAMF grundsätzlich vom Selbsteintritt Gebrauch macht.
Kurze Darstellung der Situation der Familie Afzali/Mohammadi aus Emden
Zur afghanischen Familie Afzali gehören die Eltern Ali Ghorban und Ferishta und die Töchter Narges (16 J.), Hanieh (15 J.), Zahra (10 J.) und Lina (7 J.). Die Familie floh 2015 aus Afghanistan zunächst nach Schweden, wo ihr Asylgesuch jedoch abgelehnt wurde. Da sie wegen der damaligen restriktiven Asylpolitik in Schweden eine Abschiebung nach Afghanistan befürchten musste, floh die Familie 2020 weiter nach Emden, wo sie im Eilverfahren Rechtsschutz erhielt in den vergangenen sechs Jahren lebte.
Sie alle haben sich hier gut eingelebt. Die Mutter nimmt am B2-Sprachkurs der VHS teil, der Vater hat den Führerschein gemacht. Narges geht in die BBS 2 Frisör/Körperpflege und macht ihren Realschulabschluss. Hanieh besucht die Oberschule Borssum, erhält im Sommer den Hauptschulabschluss und hat sich schon in der BBS angemeldet. Zahra und Lina gehen in die dritte bzw. erste Klasse der Westerburgschule (GS). Die Familie hat in Emden/Borssum einen Kleingarten. Sie alle haben Freunde gefunden und gelten als zielstrebig und hilfsbereit. Alle drei Schulen der Mädchen haben Briefe an den Oberbürgermeister mit der dringenden Bitte um Hilfe geschrieben, in denen besonders gute Leistungen und soziales Engagement der Schülerinnen dargestellt werden.
Die Klage der Familie gegen eine Rücküberstellung nach Schweden im Dublin-Verfahren war zunächst erfolgreich: Das Verwaltungsgericht ordnete 2020 im Eilverfahren an, dass die Familie wegen drohender Abschiebung aus Schweden nach Afghanistan nicht nach Schweden zurückgeschickt werden dürfe. Das anschließende Hauptsacheverfahren zog sich jahrelang hin, bis das Verwaltungsgericht schließlich am 15. September 2025 entschied, dass eine Überstellung der Familie nach Schweden nunmehr vertretbar sei. Eine inhaltliche Prüfung und Bewertung der Asylgründe der Familie fand in Deutschland nie statt.
Mit dieser Entscheidung lebte die ursprüngliche Überstellungsfrist von einem halben Jahr nach Schweden wieder auf: Bis zum 15. März war eine Abschiebung der Familie nach Schweden (wieder) rechtlich zulässig, aber sie war nicht zwingend: Nach der Dublin III – Verordnung gibt es auch die Möglichkeit, vom sog. „Selbsteintrittsrecht“ (Art. 17 Abs. 1 der Verordnung) Gebrauch zu machen: Deutschland kann jederzeit beschließen, einen Asylantrag zu prüfen, auch wenn es nach den Kriterien der Verordnung nicht zuständig ist. Dies ist eine Ermessensentscheidung des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF).
Bis zum Schluss hoffte die Familie, dass die Behörden nach so langer Zeit und angesichts der gezeigten Integrationsleistungen auf eine Abschiebung verzichten würden – vergeblich: Am Montagabend des 2.3.26 (etwa 14 Tage vor Ablauf der Überstellungsfrist) klingelten um 22.30 Uhr bei Familie Afzali völlig unerwartet sieben Polizisten, ein Vertreter der Ausländerbehörde, eine Ärztin und ein Dolmetscher und drangen in die Wohnung ein, um die Familie nach Schweden abzuschieben. Die Familie bekam 10 Minuten Zeit, um ein paar Sachen zu packen, dann wurde sie in einem Bus direkt nach Rostock und mit der Fähre nach Malmö gebracht. Die Familie klagte, dass die Abschiebung sehr grob und rücksichtslos durchgeführt worden sei: Zwei der Töchter haben den Ablauf und ihre Wahrnehmung sehr deutlich aufgeschrieben. Die Sorge für den persönlichen Besitz der Familie wurde Freunden überlassen. Eine Abmeldung der Mädchen in der Schule durch die Behörde hat nicht stattgefunden.
In Schweden war die Behörde nicht auf die Ankunft der Familie vorbereitet. Erst von der Fähre aus wurde der Polizei die Ankunft von 6 Personen angekündigt.
In Malmö war die Familie erst zusammen mit anderen Geflüchteten in einem Hotel untergebracht. Den Mädchen, vor allem den kleinen, ging es sehr schlecht. Sie haben immer geweint, wollten wieder nach Hause und haben nichts mehr gegessen. Schließlich haben sie alle zusammen versucht, mit der Fähre wieder nach Deutschland einzureisen. In Rostock wurden sie aber in dem Bus zwischen Hafen und Bahnhof von der Polizei kontrolliert und wieder nach Schweden zurückgeschickt. Jetzt leben sie in einem Camp. Über Handy können sie Kontakt mit ihren Freunden in Emden halten. Die Familie ist sehr verzweifelt, weil ihnen mit der Abschiebung nach Afghanistan gedroht wird, weil ihre Ausbildungswege zerstört sind und ihr Lebensweg völlig ungewiss ist.
Anhang:
Unterstützungsschreiben von 12 Freund*innen von Hanieh
Unterstützungsschreiben der Oberschule Borssum
Unterstützungsschreiben der Berufsbildenden Schule II Emden
Unterstützungsschreiben_Grundschule_Westerburg
Bericht der NWZ vom 20.04.2026
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Text der ältesten Tochter Narges über den Verlauf der Abschiebung am 2.3.2026
Wir hatten unsere sechsmonatige Dublin-Frist und wir wussten, dass diese sechs Monate bald vorbei sein würden. Es waren nur noch etwa 16 Tage übrig. Außerdem haben wir gar nicht erwartet, dass die Polizei kommt. Wir waren fast 6 Jahre in Deutschland und hatten dort unser Leben aufgebaut. Wir haben die Sprache gelernt und sind alle zur Schule gegangen. Mein Vater hat in Deutschland seinen Führerschein gemacht. Meine Mutter hat das B1-Zertifikat in Deutsch bekommen. Wir hatten unser Leben in Deutschland aufgebaut. Ich selbst hätte nach den Sommerferien mein Abitur gemacht. Meine andere Schwester wäre nach den Sommerferien in die 10. Klasse gekommen. Eine weitere Schwester wäre in die 4. Klasse gegangen und die andere in die 2. Klasse.
Es war ein Montagabend gegen 22:30 Uhr. Wir haben alle geschlafen, außer meinem Vater. Mein Vater sagte, dass jemand gegen 22:30 Uhr an der Tür geklingelt hat. Bis er aufstehen und zur Tür gehen konnte, hatten die Polizisten die Tür schon geöffnet.
Dann sagten sie zu meinem Vater, dass wir uns vorbereiten sollen, weil sie uns wieder nach Schweden abschieben wollen. Mein Vater sagte zu ihnen, dass wir keinen Brief erhalten haben, dass die Polizei uns abholen kommt. Er versuchte mit ihnen zu reden und zu erklären, dass wir keine Information bekommen haben. Er versuchte auch zu erklären, dass bei uns alle Angst bekommen, wenn plötzlich so viele Polizisten kommen – besonders die kleinen Kinder, aber vor allem meine Mutter, weil sie schwanger ist.
Aber sie haben nicht richtig zugehört. Sie fragten nur: „Wo ist deine Familie?“ Mein Vater sagte, dass wir oben sind und bat sie, langsam zu gehen, weil meine Mutter schwanger ist und sich erschrecken könnte. Trotzdem sind sie laut nach oben gegangen und haben uns alle aufgeweckt. Als wir aufgewacht sind, waren wir alle schockiert und hatten große Angst. Wir waren alle sehr blass.
Dann sagten sie, wir müssen unsere Sachen packen und nur das Nötigste mitnehmen, weil sie uns nach Schweden bringen wollen. Wir versuchten noch einmal mit ihnen zu reden und sagten, dass das so nicht geht und dass sie uns vorher Bescheid geben müssen. Aber sie hörten uns nicht zu. Sie waren mit sieben Polizisten und einem Arzt gekommen und sagten nur, dass wir nicht viel Zeit haben und schnell packen müssen.
Wir haben angefangen unsere Sachen einzupacken. Egal wohin wir gegangen sind, ein Polizist ist immer hinter uns her gegangen, sogar bis zur Toilette, als mein Vater auf die Toilette musste. Sie sagten, wir hätten nur zehn Minuten Zeit, weil der Bus gleich kommt und uns zum Schiff bringt. Am Ende sagten sie auch, dass wir etwas zu essen mitnehmen sollen, weil wir eine lange Fahrt vor uns haben.
Währenddessen hat mein Vater einen Freund angerufen und gesagt, dass die Polizei bei uns ist und uns nach Schweden bringen will. Sein Freund ist sofort gekommen. Als er an der Tür klopfte, hat die Polizei die Tür nicht geöffnet. Wir sagten, dass draußen der Freund meines Vaters ist, aber sie sagten, dass sie die Tür nicht öffnen.
Als wir fertig waren, war der Freund meines Vaters immer noch draußen. Als wir raus gingen, hat er versucht, mit der Polizei zu reden. Er sagte, dass das so nicht geht und dass hier kleine Kinder sind. Er bat sie, bis zum Morgen zu warten, damit man alles in Ruhe klären kann. Aber sie hörten nicht zu.
[…] Wir sind dann alle in den Bus gestiegen und mit der Polizei losgefahren. Auch der Arzt war im Bus. Während der Fahrt ging es meiner Mutter plötzlich sehr schlecht. Sie wurde ganz blass, fiel um […] Sie konnte uns nicht mehr hören. Der Arzt hat alles gesehen, auch wie wir alle geweint haben. Mein Vater und ich haben versucht, ihr zu helfen. Wir haben mit ihr gesprochen, ihr Wasser gegeben und alles getan, damit es ihr wieder besser geht. […] Trotzdem sagten die Polizisten und der Arzt weiterhin, dass sie nur Theater spiele. Sie waren auch sehr unfreundlich zu uns und zu den Kindern.
Wir haben weiter versucht, meiner Mutter zu helfen. Ich wollte einen Krankenwagen rufen, weil niemand etwas gemacht hat und sie nicht einmal richtig untersucht wurde. Als ich den Krankenwagen rufen wollte, sagte die Polizei, dass sie uns die Handys wegnehmen würden und dem Krankenwagen sagen, dass es meiner Mutter gut geht. Deshalb durften wir nicht anrufen.
Nach etwa einer Stunde hielten sie an einer Tankstelle und sagten, dass meine Mutter kurz frische Luft nehmen kann. Wenn nicht, würden wir vier Stunden bis zum Schiff weiterfahren. Meine Mutter hatte keine Kraft aufzustehen, aber langsam begann sie wieder etwas zu sprechen. Wir fragten sie, ob sie etwas trinken oder essen möchte, aber sie sagte, dass sie nichts möchte, weil sie sich sonst übergeben würde. Als wir weiter fuhren, begann meine kleine Schwester Lina plötzlich zu erbrechen. Sie hat sich immer wieder übergeben, weil sie so geschockt war und starke Bauchschmerzen hatte. Trotzdem fuhr der Bus einfach weiter, als wäre nichts passiert. […]
Erster Bericht der Familie Afzali aus Schweden
Wir sind Familie Afzali . Wir sind jetzt im Camp, und heute ist der 11.03.2026. Die Situation hier ist für uns sehr schwer und ungewiss. Wir sehen hier viele Menschen, die nach 10 oder 11 Jahren wieder ins Camp zurückkommen mussten, weil ihre Ausweise abgelaufen sind und nicht mehr gültig sind. Viele von ihnen müssen wieder von Anfang an warten und neue Interviews machen. Hier gibt es auch Familien, bei denen die Kinder und der Vater einen schwedischen Pass haben, aber die Mutter nicht. Die Mutter muss dann wieder von Anfang an Interviews machen und lange auf eine Antwort warten. Es gibt auch Fälle, in denen alle Frauen in einer Familie einen Aufenthaltstitel bekommen, aber der Vater nicht. Das ist für Familien sehr schwer, weil eine Familie zusammenbleiben sollte. Wir möchten nicht getrennt werden, wir wollen als ganze Familie zusammen bleiben. Solche Fälle gibt es hier sehr viele, und das macht uns große Sorgen. Wir sind jetzt seit zwei Wochen hier und gehen immer noch nicht zur Schule, obwohl Schule für uns sehr wichtig ist. Jetzt ist Schulzeit, und eigentlich sollten wir in der Schule sein und lernen. Stattdessen sind wir im Camp und wissen nicht, was morgen passieren wird. Diese Unsicherheit ist für uns sehr schwer. Jeden Tag denken wir darüber nach, was mit unserer Zukunft passieren wird. Wir wissen nicht, wie lange wir hier bleiben müssen und ob wir wieder ein normales Leben führen können. Besonders für unsere Kinder ist diese Situation sehr schwierig. Sie vermissen ihre Schule, ihre Freunde und ihr normales Leben. Kinder brauchen Stabilität, Bildung und Sicherheit für ihre Zukunft. Wir haben große Angst, dass wir viele Jahre warten müssen oder vielleicht wieder Interviews machen müssen. Wir wünschen uns nur eine faire Entscheidung und die Möglichkeit, ein ruhiges und sicheres Leben zu führen. Wir hoffen sehr, dass unsere Situation verstanden wird, und dass wir eine Chance bekommen, wieder zur Schule zu gehen, zu arbeiten und ohne Angst vor der Zukunft zu leben. Mit freundlichen Grüßen Familie Afzali
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