Rückblick auf Doppelausstellung / Installation „Signum Mortis“ und „40.5555“ und Begleitprogramm

Wir schauen zurück auf eine erfolg- und ereignisreiche Kooperation mit dem Fotografen Wolf Böwig (und später Christoph Ermisch (Gestaltung) und Patrick Slesiona (Technik)) und die Dooppelausstellung „Signum Mortis“ (aber auch hier), sowie „40.555“, sowie das rahmende Begleitprogramm zur Gewalt im bosnisch-kroatischen Grenzraum, zur anhaltenden Ausgrenzung von Rom*nija auf dem Balkan und hier in Deutschland, sowie eine Lesung mit Marko Dinić und Elona Beqiraj. Ein Kooperation, die im Februar 2020 seinen Lauf nahm und auf der Begeisterung für die bestechenden Reisedokumente, Fotografien und Collagen, ihre Deutlichkeit und Eindringlichkeit gründete, mit der sie unmissverständlich gegen Krieg, Terror und Vertreibung sprachen.

Und so gelang es, trotz coronabedingten Planänderungen – die Ausstellung musste coronagerecht umgestaltet und aus dem Pavillon hinaus getragen und auf dessen Fenstern (durch Christoph Ermisch)realisiert werden, die Installation „40.555“ konnte zusätzlich raumerweiternd auf dem Weißekreuzplatz in Sichtweite der Ausstellung umgesetzt werden. Und aus den Live-Veranstaltungen wurden (auch durch die Unterstützung von Patrick Slesiona) Online-Events, die weit aus mehr Zuschauer_innen als erwartet begeistern konnten. Hierfür konnten die Schriftsteller_innen Marko Dinić und Elona Baqiraj für eine gemeinsame Lesung, Kolleg_Innen vom „Border Violance Monitoring Network“ sowie Mitarbeiter_innen des Roma-Centers in Göttingen gewonnen werden, um aus drei sehr verschiedenen Blickwinkeln auf die Situation auf dem Balkan (und hier) zu schauen und damit die Bilder der Ausstellung zu kontextualisieren.

Nachdem Ausstellung und Installation unter den widrigen Coronabedingungen in der Vernissage am 05.12.2020 mit Habbo Knoch virtuell eröffnet wurden, gelang gleich mit der Eröffnungsveranstaltung mit „Border Violance Monitoring Network“ über „Die Balkan“Route“ und die Gewalttätigkeit des EU- Grenzregimes“ am 08.12.2020 ein alarmierender Fingerzeig auf die Wunden an den europäischen Außengrenzen. (Der Veranstaltungsmitschnitt auf YouTube)

Die Network-Mitarbeiter_innen Lisa Körber und Alexander Gaus-Fellbach berichteten eindrücklich von allen Menschenrechten Hohn spottender Gewalt in diesem europäischen Grenzraum, von den unmenschlichen Misshandlungen Schutzsuchender und dem dreckigen Geschäft, dass dort für Europa erledigt wird. (Tage später erschien eine 1500 Seiten starke Dokumentation von Pushbacks in Europa, veröffentlicht von der Linksfraktion des Europäischen Parlamentes (GUE/NGL). Dieses neu veröffentlichte „Black Book of Pushbacks“ dokumentiert brutale, gewalttätige Pushbacks. Die detaillierten Zeugnisse unterstreichen die Forderung eines Endes der Straflosigkeit für Gewalt an den Grenzen der EU. Nichts könnte die Erzählungen jenes Abends besser auf den politischen Punkt bringen und im passenden politischen Raum artikulieren als diese Broschüre.)

Nachdem erst am Tag der Menschenrechte, dem 10. Dezember 2020 ein 20-Jähriger junger Göttinger Rom nach Serbien abgeschoben wurde (seine Eltern waren Ende der 90er aus Kosovo geflohen), ergab sich für die zweite Veranstaltung im Reigen eine nicht geahnte Aktualität: Die Kolleg_innen vom Roma-Center in Göttingen Sandra Goerend und Kenan Emini sprachen am 15.12.2020 über „Das Recht zu bleiben angesichts der Aktualität von Antiziganismus und Ausgrenzung gegenüber Rom*nija auf dem Balkan“

Erschütternd an diesem Abend die Schilderungen der Geschichte und Gegenwart von Kettenduldungen, die es laut Politikerverlautbarungen längst nicht mehr geben dürfte. An zwei Beispielen wurde die Gewalt gegen lang hier lebende Rom*nija deutlich, die in ständiger Unsicherheit leben und z.B. wegen drohender Abschiebungen die Schule abbrechen müssen. Die so folgenden Integrations-“Rückstände“ werden ihnen als dann zum Vorwurf gemacht. Bedrückend waren die Schilderungen vor allem, weil die Lebensrealität abgeschobener Rom*nija, die z.B. aus dem Kosovo geflohen, Jahrzehnte später aber nach Serbien abgeschoben werden, dort so erschütternd sind. Sie können sich dort nicht melden und haben also keinen Zugang zum Gesundheitssystem. Eine bürokratische Tatsache, von der deutsche Behörden sehr wohl wissen, die sie aber nicht interessiert. Ein Blutzoll, so scheint es, den die Politik für den autoritären Teilen in der Politik selbst und der vermeintlichen Wähler_innenschaft zu zahlen bereit ist.

Krönenden Abschluss der Veranstaltungsreihe bildete die Lesung mit Marko Dinić und Elona Beqiraj und ihren Texten „Die guten Tage“ (Dinić ) und „und wir kamen jeden Sommer“ (Beqiraj) am 17.12.2020. (Der Veranstaltungsmitschnitt auf YouTube)

Noch heute ist uns Marko Dinićs zwingendes Credo im Ohr: „Die zukünftige Generation der Schriftsteller_innen wird daran gemessen werden, wie sie sich zu der Realität der Lager verhält.“
Dabei ging es in der Lesung selbst vordergründig nicht um die Situation Geflüchteter auf dem Balkan in der Unwirtlichkeit der dortigen Lager. Beqiraj und Dinić ging es einhellig und aus je unterschiedlichen Lebenserfahrungen heraus um die Anmaßungen eines Integrationsparadigmas, um rassistische Ausgrenzung am Arbeits- und Wohnungsmarkt und einem Heimatbegriff, der ohne Häme zwischen dem Geruch nach Börek und der Zurückweisung der Börek-Romantik oszillierte. Dinićs „Heimat ist dort, wo ich mich schäme“ kam da zusammen mit Beqirajs Diasporabegriff, in dem ein Zuhause in der Verstreutheit gefunden wird, in der migrantischen Comunity in ihrer grenzenlosen Vielschichtigkeit.

Als zum Ende hin Elona Beqiraj von einer Ausstellung im Rathaus von Pristina erzählte, in der der Verschwundenen beider Seiten des Krieges gedacht wird, schloss sich auf schmerzliche Weise der Kreis zur Installation „40.555“, an der Habbo Knoch in der Vernissage ja die Namenslosigkeit der unzähligen Verschwundenen im todbringenden europäischen Burggraben hervor hob.

An diesem wundervollen – und nach wie vor sehenswerten Abend – wurde Wolf Böwigs Ziel, Kommunikation über die Grenzen der ehemaligen Kriegsparteien hinweg zu initiieren, deutlich erkennbar. (Dinićs Eltern migrierten aus Serbien, Beqirajs Eltern aus dem Kosovo). Ohne die Moderatorin der wunderbaren Jehona Kicaj wäre dieser Abend sicherlich nicht so gelungen.

Vielen Dank an dieser Stelle allen Beteiligten an allen Veranstaltungen.

Vielen Dank auch an die Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen e.V. und die Stiftung Leben & Umwelt / Heinrich-Böll-Stiftung Niedersachsen, mit deren Kooperation Ausstellung und Begleitprogramm statt finden konnten und Dank auch für die Förderung durch die Landeshauptstadt Hannover. Und vielen Einen besonderen Dank auch an den charitypot von LUSH, ohne deren Spende zum Schluß alles noch zu scheitern drohte.

Die Ausstellung wird noch bis Mitte / Ende Januar 2021 auf den Fenstern des Pavillons zu sehen sein.

Alle Videos findet ihr auf unserem YouTube-Kanal

Die Liste der Namen derer, die ihr Leben lassen mussten (und die bekannt sind), können hier nachgelesen werden.

P.s.: Beim Abbau der Installation „40.555“ dann, am 21.Dezember 2020, fielen uns die Namen derer auf, die ihr Leben an einem 21. Dezember lassen mussten. So auf den Tag genau vor zwei Jahren, am 21.12.2018, als ein unbekannter 20-jähriger Mann aus Algerien kommend am Strand der spanischen Enklave Ceuta tot aufgefunden wurde. Oder als sich vor drei Jahren, am 21.12.2017, der 20-Jährige Kantra Doucoure aus Mali in Frankreich aus Angst vor seiner Abschiebung das Leben nahm. Oder genau vor vier Jahren, als am 21.12.2016 sieben Personen, deren Namen und Geburtsort wir nicht kennen, auf ihrem Weg nach Italien ertranken, als ihre Boote angegriffen wurden. Und so weiter und so fort?
Nicht mit uns! Nicht in unserem Namen!

 

 

 

 

 

 

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