Interview der jungen Welt zum Gazale-Hungerstreik

Tageszeitung junge Welt – 28.01.2008 / Inland / Seite 8

„Ich will so weit gehen, wie ich nur kann“
Flüchtlingshelfer will mit Hungerstreik Wiedereinreise einer abgeschobenen Kurdin erreichen. Gespräch mit Andreas Vasterling

Reimar Paul – Der Hildesheimer Flüchtlingshelfer Andreas Vasterling ist Anfang Januar in den Hungerstreik getreten. Er will damit erreichen, daß die vor drei Jahren abgeschobene Kurdin Gazale Salame und ihre beiden kleinen Kinder wieder zu ihrer Familie nach Deutschland kommen kann. Salame und ihrem Mann Ahmed Siala wird vorgeworfen, bei der Einreise als Kinder ihre türkische Staatsangehörigkeit verschwiegen zu haben.

Wie geht es Ihnen gesundheitlich?
Gewichtsverlust sieben Kilo, Moral gut, Beine manchmal schwach, aber nach 21 Tagen hätte ich es mir schlimmer vorgestellt. Das heißt für die Verursacher dieser Tragödie, daß dieser Streik sie noch sehr lange begleiten wird.

Welche Reaktionen gab es bislang auf Ihre Aktion?
Der Fall ist dadurch noch einmal in die Medien gekommen. Der Landkreis Hildesheim und der niedersächsische Innenminister mußten sich mit kritischen Fragen und auch mit Bitten für die Wiedereinreise von Gazale Salame auseinandersetzen. Meine Mitstreiter aus der Flüchtlingsinitiative „Menschen für Menschen“ respektieren meine Entscheidung, wollen aber, daß ich abbreche, wenn mein Zustand kritisch wird.

Sie hatten mit Beginn des Hungerstreiks in einem Brief an das Innenministerium eine humanitäre Lösung des Falls verlangt. Gibt es von dort eine Antwort?
Ja, seit ein paar Tagen. Viel Mühe hat sich das Ministerium aber nicht gegeben. Es sandte mir einen Brief zu, der mittlerweile wohl als Standardantwort in dieser Sache fungiert.

Was steht drin?
Der Brief verweist auf die Ausreisepflicht von Gazale Salame und ihrem Mann Ahmed Siala, die auch gerichtlich festgestellt wurde. Dabei wird ein Urteil des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg ins Feld geführt, das aber noch gar nicht die endgültige Entscheidung bedeutet. Auf den Hungerstreik und eine Petition der Kirchen zugunsten von Salame wird gar nicht eingegangen.

Das Innenministerium sagt, Ahmed Siala könne jederzeit ausreisen, um bei seiner Familie zu sein. Wäre das keine Lösung?
Ich wäre der letzte, der Ahmed Siala davon abhalten würde, wenn er das Gefühl hätte, daß alles keinen Sinn mehr hat und er ausreisen will, um die Familie in der Türkei zusammenzuführen. Seine Anwältin kann das Verfahren auch allein fortführen. Aber wenn er ginge, würden sicher bald die Fanfaren aus Hannover ertönen: Seht, er gesteht ein, ein Türke zu sein. Womöglich würde dann auch das Bundesverwaltungsgericht die Ausreise in diesem Sinn beurteilen. Am Ende hätte sich so das Unrecht durchgesetzt.

Warum?
Die Vorwürfe sind falsch. Die Familie Salame und Siala stammen aus dem Libanon und nicht aus der Türkei. Gazale und Ahmed sind als Kleinkinder nach Deutschland gekommen und hier aufgewachsen. Ahmed Siala arbeitet hier in einer Schlachterei und verdient genug Geld, um ohne staatliche Leistungen seine Familie zu ernähren. In der Türkei hätte er nicht diese Perspektiven und müßte zudem erst Türkisch lernen.

Was sagen denn Gazale Salame und Ahmed Siala zu Ihrem Hungerstreik?
Gazale Salame hat mich dieser Tage aus der Türkei angerufen. Sie erklärte, sie wolle mir ein Essen kochen, wenn sie wieder zu Hause, das heißt in Deutschland angekommen ist. Andererseits fürchtet sie um meine Gesundheit, sie möchte nicht, daß ich ihretwegen sterbe, oder dauerhafte Schäden davontrage. Auch Ahmed Siala war sehr erschrocken über meinen Schritt. Er sagte: „Laß uns das juristisch und politisch ausfechten, bring dich nicht um.“

Machen Sie den Hungerstreik bei sich zu Hause?
Derzeit ja. Ich hoffe aber, daß ich Anfang Februar in ein Gemeindehaus oder in eine Kirche übersiedeln kann. Ich hatte zunächst befürchtet, daß meine Aktion der Kirche zu weit gehen könnte. Der Superintendent des Kirchenkreises Hildesheim-Sarstedt hat mir aber versichert, es gebe kein ideologisches Problem, sondern nur ein logistisches. Er wolle schauen, wo man so etwas ins Werk setzen kann.

Wie lange wollen Sie den Hungerstreik denn überhaupt aushalten?
Ich wiege noch 90 Kilo, habe also noch Substanz. Das Telefonat mit Gazale Salame hat etwas in mir ausgelöst, ich mußte zum ersten Mal seit langer Zeit weinen. Es gibt da für uns alle eine Verpflichtung zur Menschlichkeit, darum will ich so weit gehen, wie ich nur kann.

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Mitschnitt zum Hören

ekn / Birke Schoepplenberg für radio ffn (Donnerstag, 14.2.08)

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