Libyen lässt 3000 Flüchtlinge frei

von  Judith Gleitze, borderline-europe, Sizilien

Libyen hat eine Massenbefreiung der inhaftierten Migranten vorgenommen. Nicht nur die 205 inhaftierten Eritreer in Braq wurden entlassen,sondern auch 2800 weitere Flüchtlinge und Migranten. Alle haben eine Aufenthaltserlaubnis für drei Monate erhalten, um sich Arbeit in Libyen zu suchen.

Es ist unklar, warum Ghaddafi plötzlich alle Lager öffnen ließ. War es der europäische Druck auf den Leader nach der Verschleppung der Eritreer nach Braq?  Diese waren nach einer Revolte am 30.6. im Lager von Misratah ins südlibysche Braq deportiert worden, da sie sich hatten geweigert hatten, Identifizierungspapiere für die eritreische Botschaft zu unterzeichnen. Libyen lässt sich nicht gern in seine Politik reinreden, so hat der libysche Botschafter in Rom, Hafed Gaddur, deutlich geäußert, dass niemand das Recht habe, sich in libysche Innenpolitik einzumischen.
Mit der Öffnung der 28 Zentren, die zum Teil von Italien finanziert wurden, sind nun alle Migranten und Flüchtlinge auf freiem Fuß — vielleicht ein „Racheakt“ Ghaddafis, um zu zeigen, dass er nicht mehr gewillt ist, den Grenzpolizisten zu spielen, wenn sich die Europäer in seine Politik mischen. Unter den 3000 Entlassenen befinden sich ca. 400 Eritreer, 205 davon waren in Braq inhaftiert. Diese jedoch können Sebha, die Wüstenstadt, in die sie nach der Freilassung gebracht wurden, offiziell nicht verlassen, da ihre Aufenthaltserlaubnis nur hier gilt.
Für die Eritreer dreht sich damit die Katze um den Schwanz, denn so können sie sich keine Arbeit suchen, haben aber auch sonst keinerlei Einkünfte und somit keine Zukunftschancen. Gabriele del Grande schreibt auf seinem Blog und über facebook (fortresseurope.blogspot.com), dass er Anfang der Woche mit Kontaktpersonen in Libyen gesprochen habe, die ersten Eritreer aus Braq/Sebha seien in Tripolis angekommen — doch sie haben wieder einmal bezahlen müssen, wie alle anderen Flüchtlinge auch, nur so hätten sie einen LKW gefunden, der sie in die Hauptstadt gebracht habe.

Was aber bedeutet die Öffnung nun wirklich für die Verhandlungen zwischen Libyen und der Europäischen Union? Ist Ghaddafi tatsächlich nicht mehr gewillt, „mitzuspielen“? Vor einigen Tage hatte er zumindest somalische Flüchtlinge, die vor Malta aufgegriffen worden waren, zurückgenommen. Die 55 Somalis waren nach einem SOS von der maltesischen Marine gerettet, dann aber willkürlich getrennt und die Hälfte von ihnen auf ein inzwischen eingetroffenes libysches Boot umverteilt worden. Die Tageszeitung Malta Today zitierte die Armed Force of Malta, sie hätten einer Zurückschiebung nach Libyen zugestimmt, doch die in Malta verbliebenen Somalis berichteten der Zeitung, dass niemand wusste, dass die Hälfte nach Libyen zurück geschickt wurde. Es habe sich zwar um ein Schiff mit libyscher Flagge gehandelt, aber an Bord hätten alle italienisch geredet — sie dachten, ihre Mitreisenden würden nach Italien oder vielleicht auch nach Malta gebracht.
Ebenfalls letzte Woche erreichte ein Boot mit an die 236 Flüchtlingen, hauptsächlich Eritreern, unter ihnen viele Frauen und Kinder, die sizilianische Küste. Sie flohen, als sie die Küste erreichten, doch 49 von ihnen hat die Polizei wieder eingefangen und in die Erstaufnahme nach Salina Grande (Trapani) gebracht. Sie hätten schon lange Zeit in Libyen gelebt, berichteten die Eritreer. Dann kam die Revolte in Misratha und die Deportierung nach Braq. Die Angst, gleiches Schicksal zu erleiden hat sie sicherlich dazu bewegt, trotz allem loszufahren. Aber vielleicht hat der Vorfall von Braq und die massive Kritik an ihrer Politik die Libyer auch dazu gebracht, ihre Grenzen wieder unbewachter
zu lassen?

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