Selbstverbrennung
aus Protest
Roma verbrannte sich im Syker Rathaus
Rahmi Tuncer
Die gnadenlose deutsche Abschiebepolitik hat
wieder mal ein Opfer gefordert. In Syke hat sich am 15. November
der Roma-Flüchtling Lata Aradinovic aus Protest gegen die Abschiebung
seiner Familie im Foyer des Rathauses Syke mit Benzin übergossen
und angezündet. Am Tag darauf erlag er seinen schweren Verbrennungen
in der Uniklinik Hannover. Zurück blieben seine Frau und fünf
Kinder, die unter unmenschlichen Bedingungen in einer Sammelunterkunft
in Syke leben müssen. Wiederholt hatte Herr Aradinovic auf
die Missstände in der Sammelunterkunft hingewiesen und dagegen
protestiert, aber nichts passierte. Statt dessen bekam er zu hören,
dass er sich um seine Papiere kümmern solle, damit er und seine
Familie nach Jugoslawien abgeschoben werden könnten. Diese
konnte er aber nicht bekommen, weil die Familie keine Bescheinigung
über die Jugoslawische Staatsangehörigkeit besitzt. Anstatt
den hinterbliebenen Familienangehörigen endlich ein Bleiberecht
zu gewähren, wird ihnen in der Öffentlichkeit von Seiten
der Behörden Identitätsverschleierung und Missbrauch des
Gastrechts vorgeworfen. Und auch der Solidaritätskreis sieht
sich rassistischen Anfeindungen ausgesetzt. Über die Hintergründe
berichtet im Folgenden Rahmi Tuncer. (Red.)
War Ex-Jugoslawien Ende der 60er Jahren ein Land, aus dem Menschen
als Gastarbeiter / innen für die boomende deutsche Wirtschaft
angeworben wurden, hat es sich seit dem Ende der 80er Jahre zu einem
Land entwickelt, aus dem Menschen aus politischen Gründen flüchteten
/ flüchten und auf europäischer Ebene Zuflucht suchten
/ suchen. Waren sie damals als ‘Jugoslawen’ in allen
europäischen Staaten und in ganz Deutschland anzutreffen, sind
sie heute infolge der Auflösungsprozesse Ex-Jugoslawiens als
Verfolgte aus dem heutigen Bosnien-Herzegowina, Kosovo etc. anzutreffen.
Aber während sie damals als Arbeitskräfte willkommen waren,
sind sie heute als politisch Verfolgte unerwünscht, insbesondere
dann, wenn sie zu einer Volksgruppe wie den Roma gehören, die
ja weltweit Diskriminierungen, Ausgrenzungen, Verfolgungen etc.
ausgesetzt sind.
Auch Familie Aradinovic aus Syke gehört dieser Volksgruppe
an. Sie stammt aus Serbien.
Familie Aradinovic lebt in einem ‘Flüchtlingswohnheim’
in Syke. Diese als Wohnheim bezeichnete Unterkunft dient seit mehr
als 10 Jahren zur Unterbringung von Asylbewerber/innen, manchmal
vorübergehend von deutschen Obdachlosen, aber auch von ausländischen
Mädchen, die von zu Hause ‘abgehauen’ sind. Die
Stadt hat zur Zeit mit einer privaten Person / Betreiberfirma einen
Vertrag. Davor hatten sie Verträge mit vermeintlich unterschiedlichen
‘Betreiberfirmen’, deren Name sich zwar immer wieder
änderte, hinter denen sich aber faktisch die selben Personen
verbargen. Merkwürdigerweise geschah die Namensänderung
immer wieder zu dem Zeitpunkt, an dem sich das Finanzamt meldete.
In all diesen Jahren hat es immer wieder seitens der Bewohner des
Wohnheimes Beschwerden an die Stadt Syke gegeben. Denn das ‘Hotel
Deutsche Eiche’ war nach Meinung vieler Flüchtlinge während
ihres Aufenthalts nie auf den vorgesehenen Mindeststandard entsprechend
umgebaut worden, so dass man dort ohne Probleme leben könnte.
Weder die baulichen noch die hygienischen Zustände waren je
in Ordnung. Man beschwerte sich immer wieder über diese Missstände.
Nicht nur Flüchtlinge waren unzufrieden mit der Unterbringung,
selbst bekannte Politiker redeten von ‘versifften Verhältnissen’.
Auch Herr Aradinovic legte Beschwerde ein. Er meldete sich immer
wieder bei den Behörden, damit endlich etwas gegen diese unmenschliche
Unterbringung im Wohnheim unternommen würde. Aber er wurde
immer wieder abgewiesen, keiner fühlte sich zuständig.
Für das Sozialamt Syke war es aus Kostengründen abzulehnen,
wenn er eine andere Unterbringung wünschte. Denn die Unterbringung
auf dem freien Wohnungsmarkt würde für das Sozialamt mehr
Kosten verursachen als die Unterbringung im Wohnheim. Von der Ausländerbehörde
Syke bekam er zu hören, er sei ja ausreisepflichtig, er solle
sich nicht um eine Arbeit oder Wohnung kümmern, er solle sich
um seine Papiere kümmern. Wobei sie eigentlich ganz genau wussten,
dass das Jugoslawische Konsulat der Familie die Papiere verweigert,
weil sie keine Bescheinigung über die Jugoslawische Staatsangehörigkeit
besitzt. Und ohne diese stellt es keine Pässe oder Passersatzpapiere
aus. Zudem sind die in Deutschland geborenen Kinder nicht in Jugoslawien
registriert, was ebenfalls ein Hinderungsgrund ist. Deswegen hatte
Familie Aradinovic nicht selbst zu vertreten, dass sie keine Papiere
besaß. Dies wird ihr aber auch heute noch immer wieder vorgeworfen.
In dieser ausweglosen Situation wandte sich Herr Aradinovic nach
einigen öffentlichen Aktionen noch mal an das Sozialamt. Und
aus ‘unerklärlichem Grund’ verbrannte er sich da.
Als er sich anzündete, erzählen Flüchtlinge, sollen
einige gesagt haben: „Soll er sich doch verbrennen”,
„Ich trinke jetzt meinen Kaffee” etc. Und wie wir der
Presse entnommen haben, soll er sogar brennend durch das Rathaus
gelaufen sein, nach Toiletten gesucht und versucht haben, sich selbst
zu löschen. Er kam infolge seiner Verbrennungen um. Da keiner
ganz genau weiß, was abgelaufen ist, wäre es sehr wichtig,
die vielen offenstehenden Fragen aus dem Weg zu räumen. Alle,
sowohl die Flüchtlinge und MigrantInnen als auch der Solidaritätskreis
haben gehofft, dass die Stadt zu einer öffentlichen Anhörung
/ Zusammentreffen von allen Seiten aufruft. Anstatt mit den Betroffenen
und dem Solidaritätskreis in Dialog zu treten hat die Stadtverwaltung,
aber auch andere, sogar indirekt versucht, Herrn Aradinovic und
die Familie für alles verantwortlich zu machen, indem man immer
wieder in der Öffentlichkeit von Identitätsverschleierung,
Ausreiseverpflichtung, Sozialhilfebezug, Missbrauch des Gastrechts
etc. durch die Familie sprach, ohne sich gefragt zu haben, was geschehen
wäre, wenn er damals nach Jugoslawien zurückgekehrt wäre.
Denn eine Rückkehr hätte für ihn damals bedeutet,
als Soldat in Bosnien, Kosovo etc. eingesetzt zu werden. Und dann
die unverschämte Diskussion über den Leichnam von Herrn
Aradinovic, dass er hier begraben werden sollte, dass das Sozialamt
die Überführungskosten nicht übernehmen sollte, auch
nicht übernahm. Selbst von denjenigen, die wie der Bürgermeister
von Syke öffentlich versprachen, sich an den Überführungskosten
des Leichnams nach Serbien mit eigenen Mitteln in Höhe von
500 Euro zu beteiligen, kam wenig. Der Bürgermeister kam aber
dazu, der Familie extra einen handschriftlich gefassten Brief zu
schicken, in dem er sein ‘erneutes Bedauern’ ausdrückte
und davon berichtete, dass die Stadt Syke ‘für seine
Gäste alles tut’, dass die Fa- milie die ‘deutsche
Lebenskultur’ akzeptieren müsse und dass ‘Gastrecht’
nicht missbraucht werden solle. In dem Brief war auch ein Geldschein,
aber statt der versprochenen 500-Euro war nur ein 100-Euroschein
drin. Man muss hierbei nochmals betonen, dass sich der Bürgermeister
an dem Trauermarsch beteiligt hat und während des ganzen Trauermarsches
versuchte, den Trauermarschbeteiligten klarzumachen, dass „Herr
Aradinovic selbst an allem Schuld“ war. Und dies hat dann
zu berechtigtem Protest von Seiten der Flüchtlinge und MigrantInnen
geführt, und dazu, dass die organisierten Flüchtlinge
und MigrantInnen keine Dialogbereitschaft mehr gegenüber der
Stadtverwaltung zeigten. Denn sie sagen, dass dies kein Einzelfall
ist. Vor ca. einem Jahr hatte sich ein kurdischer Junge (Herr Yoldas)
in einer städtischen Unterkunft erhängt. Auch Herr Yoldas
Tod war ‘unerklärlich’. Er war eigentlich als politisch
Verfolgter anerkannt, aber nach dem Widerruf seiner Anerkennung
als politisch verfolgter Flüchtling, stand er unter Abschiebungsandrohung
durch die Ausländerbehörde Syke, trotz seiner psychotherapeutischen
Behandlung. Oder Frau Mostawska – sie brachte sich durch die
Einnahme mehrerer Medikamente um und soll einen Brief hinterlassen
haben, worin stehen soll, dass sie durch ihren Tod ein Aufenthaltsrecht
für ihren damals 12-jährigen Sohn erreichen wollte. Was
aus dem Sohn geworden ist, ist nicht öffentlich bekannt. Auch
eine andere Flüchtlingsfrau aus Aserbeidschan soll versucht
haben, in den Räumen der Ausländerbehörde ihre Pulsadern
aufzuschneiden.
Unter anderem auch aus diesen Gründen kam es zu einem Trauermarsch
am 25.11.02 durch die Straßen von Syke trotz der Antipropaganda
bestimmter Kreise: es hieß, ‘Roma würden die Stadt
Syke überfallen’, ‘mit dem Leichnam von Herr Aradinovic
möchten Ausländer durch unsere Stadt marschieren’,
‘alles mögliche kaputtschlagen’ usw. Dieser ruhige,
von allen Flüchtlings- und Migrantengruppen organisierte Trauermarsch
endete mit einer Kundgebung vor der Ausländerbehörde,
wo kurze Reden gehalten und die Stadt Syke aufgefordert wurde, sich
für ein Bleiberecht für die hinterbliebenen Familienangehörigen
und für alle Roma einzusetzen. Die ganzen Aktionen wurden auf
Video aufgenommen und werden demnächst der Öffentlichkeit
als Videokassette zur Verfügung gestellt. Trotz mehrmaliger
Einschüchterungsversuche bestimmter Kreise im Landkreis Diepholz,
wird es auch im neuen Jahr Mahnwacheaktionen, Veranstaltungen etc.
geben, um auf all die Geschehnisse und auf die rassistische Hetze
in der Öffentlichkeit seitens bestimmter Verwaltungskräfte
aufmerksam zu machen und dagegen zu protestieren. Um ein Bleiberecht
für die Hinterbliebenen Familienangehörigen zu erreichen,
wurde eine Petition an den Landtag geschrieben. Die dafür vorgesehenen
Unterschriften werden nun gesammelt.
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