Algermissen I: ‘Weltoffen und tolerant’

Progromartige Angriffe auf Flüchtlinge

Timmo Scherenberg

Am Wochenende des 31. August /1. September kam es in Algermissen, einem Dorf im Landkreis Hildesheim, an zwei aufeinander folgenden Tagen zu rassistischen Ausschreitungen gegen eine Flüchtlingsunterkunft. Dabei griffen bis zu fünfzig Personen, größtenteils Dorfbewohner, vom nahegelegenen Schützenfest aus die Unterkunft an. Sowohl durch die Dauer als auch durch die Anzahl der Angreifer gehören die Vorfälle zu den schwersten rassistischen Ausschreitungen, die es in den letzten Jahren in Niedersachsen gegeben hat.

Schon am Samstag wurden vier Tamilen auf dem Schützenfest von ca. zwanzig Jugendlichen angepöbelt. Als sie sich zu ihrer Unterkunft flüchten wollten, wurden sie von der Gruppe dorthin verfolgt und mehrfach geschlagen. Drei Flüchtlinge erlitten dabei Verletzungen. Die zu Hilfe gerufene Polizei schützte die Flüchtlinge vor weiteren Übergriffen, verließ jedoch daraufhin den Ort des Geschehens. Kurze Zeit später kamen die Täter zurück, einige Fensterscheiben in der Unterkunft wurden eingeschlagen. Die erneut gerufene Polizei evakuierte die Flüchtlinge zwar nicht, blieb jedoch über Nacht vor der Unterkunft präsent, was weitere Ausschreitungen für den Moment verhinderte.

Am nächsten Abend dann sammelte sich eine Gruppe von rund fünfzig Personen vor der Unterkunft, größtenteils handelte es sich dabei um erwachsene Dorfbewohner. Lauthals wurden rassistische Parolen gegrölt, einige der Angreifer waren mit Latten u.ä. bewaffnet. Einige von ihnen drangen in das Haus ein und versuchten, zu den Flüchtlingen, die sich völlig verängstigt im ersten Stock verbarrikadiert hatten, vorzudringen. Einige der Flüchtlinge gaben später an, sie hätten sich „gefühlt wie bei einer Hinrichtung“. Es dauerte fast eine Stunde, bis die Polizei die Lage unter Kontrolle hatte und die Flüchtlinge befreit wurden. Man kann von Glück sagen, dass die Flüchtlinge diese lebensbedrohliche Situation ohne weitere Verletzungen überstanden. Erst jetzt wurden die Flüchtlinge aus Algermissen evakuiert und in Hildesheim untergebracht.

Es waren dies nicht die ersten rassistischen Vorfälle, denen die Flüchtlinge in Algermissen ausgesetzt waren, wenngleich die mit Abstand schwersten. Immer wieder kam es in den vorangegangenen Monaten zu Übergriffen gegen einzelne Flüchtlinge, v.a. durch Besucher eines im gleichen Haus untergebrachten deutschen Obdachlosen, die teilweise der rechten Szene zuzuordnen waren. Einmal wurde die Unterkunft mit rechten Parolen besprüht, ein anderes Mal einige der Flüchtlinge mit einer Pistole bedroht, bei einer weiteren Gelegenheit ein Flüchtling ins Gesicht geschlagen.

Diesem Hintergrund und auch den Berichten der Polizei zum Trotz versuchte die Gemeinde, die Vorfälle beim Schützenfest herunterzuspielen. Die örtlichen Vereine weigerten sich, bei dem Schützenumzug irgend eine Art von Solidarität mit den Opfern der rassistischen Ausschreitungen zu zeigen. Vor allem tat sich in der Folgezeit jedoch Gemeindedirektor Faubel mit unerträglichen Verharmlosungen hervor, sprach von einer „normalen Festzeltschlägerei“ und einer „harmlosen Entgleisung verschiedener unter Alkohol stehender Personen“ (FR, 6.9.02): „So etwas hätte unter Germanen (sic!) genauso passieren können“ (Kehrwieder am Sonntag, 8.9.02). Er zwang die Flüchtlinge, gegen ihren Willen nach Algermissen zurückzukehren und behauptete öffentlich, sie hätten ihm versichert, keine Angst mehr zu haben. Zur gleichen Zeit hatten die Flüchtlinge aber gegenüber dem Niedersächsischen Flüchtlingsrat erklärt, unter keinen Umständen nach Algermissen zurückkehren zu wollen. Durch Intervention des niedersächsischen Innenministeriums wurden die Flüchtlinge kurz darauf endgültig aus Algermissen evakuiert und in Hildesheim und anderen Gemeinden im Landkreis untergebracht. So langsam kam man auch in Algermissen nicht mehr umhin, anzuerkennen, dass es so etwas wie rassistische Ausschreitungen gegeben hatte. Allerdings suchte man nun die Verantwortung überall, nur nicht im eigenen Dorf („Ortsfremde, die Randale machen wollten“), obwohl sogar die Polizei, die zuerst keinen „rechtsextremen Hintergrund“ erkennen wollte, kurz nach dem Angriff auf Haupttäter aus dem Ort verwies. Auf den öffentlichen Druck hin wurde ein ‘Runder Tisch’ einberufen, um über die Vorfälle zu beraten. Eingeladen waren örtliche Parteien, Kirchen, Schützenfestbetreiber (mit dem schönen Namen ‘Volksfestgemeinschaft’) und Polizei, explizit nicht eingeladen waren hingegen die Flüchtlinge und Unterstützerorganisationen wie Asyl e.V. oder der Niedersächsische Flüchtlingsrat. Dieser ‘Runde Tisch’ verabschiedete dann unter dem Titel „Algermissen ist weltoffen und tolerant“ eine Resolution, die sich nahtlos in die bisherigen Verharmlosungsversuche und Schuldabwälzungen einreihte. Sie gipfelte in dem Satz: „18 junge Männer in einem kleinen Ort unterzubringen, führt fast zwangsläufig zu negativen Vorkommnissen, wie sie bereits in der Vergangenheit mehrfach zu verzeichnen waren“. Damit wird die Präsenz der Flüchtlinge als Auslöser der rassistischern Ausschreitungen bezeichnet, die Opfer werden zu Verursachern gemacht.

Um gegen diese unsäglichen Verharmlosungs- und Verdrehungsversuche zu protestieren und sich mit den Flüchtlingen solidarisch zu zeigen, rief der Niedersächsische Flüchtlingsrat für Samstag, den 14.9. zu einer Demonstration unter dem Motto ‘Rassismus konsequent bekämpfen anstatt ihn zu verharmlosen’ in Algermissen auf. Damit sollten auch gleichzeitig diejenigen Algermissener, die den Rassismus im Dorf nicht billigten, unterstützt und auch weitergehende Diskussionsprozesse im Dorf angestoßen werden. So wurde im Vorfeld der Demonstration auch versucht, fortschrittliche Algermissener/innen in die Demonstration mit einzubeziehen. So konnte der stellvertretende Bürgermeister Herr Bähre (SPD), der eindeutig gegen die rassistischen Angriffe Stellung bezogen hatte, für einen Redebeitrag auf der Demonstration gewonnen werden. Es sollte auch auf das nicht nur in Algermissen weit verbreitete Problem des alltäglichen Rassismus hingewiesen werden, der überhaupt erst das Klima schafft, um pogromartige Angriffe wie die geschehenen möglich zu machen. Als zwei Tage vor der Demonstration auch Bürgermeisterin Ernst (CDU) ankündigte, auf der Demonstration sprechen zu wollen, sah es so aus, als wäre tatsächlich ein weitergehender Denkprozess im Dorf in Gang gekommen. Diese Hoffnung widerlegte Frau Ernst allerdings auf der Demonstration, als sie ihren Redebeitrag mit den Worten begann: „Ich möchte mich gegen die Lügen und Diffamierungen wehren...“ Der Rest des Redebeitrags ging in einem gellenden Pfeifkonzert unter. Offenbar wähnte sich ein Großteil der Algermissener/innen als die eigentlichen Opfer der Ausschreitungen, denn trotz einer klaren Stellungnahme Herrn Bähres solidarisierte sich die Mehrzahl der Dorfbewohner/innen mit Frau Ernst und es beteiligten sich nur einige wenige Algermissener/innen an der Demonstration. Die Abwehrhaltung im Dorf gegen einen (niemals erhobenen) Kollektivschuldvorwurf aufzubrechen und einen Diskussionsprozess in Gang zu bringen, der auf lange Sicht einen Wandel des Klimas im Dorf herbeiführen könnte, dürfte nur minimal gelungen sein.

Insgesamt beteiligten sich dennoch gut 350 Menschen an der Demonstration, u.a. auch die ‘Karawane für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen’, die eigens für diese Demonstration einen Umweg eingelegt hatte. Auch wenn das gesteckte Ziel, einen breiten Umdenk-Prozess im Dorf zu initiieren verfehlt wurde, war die Demonstration ein Erfolg. Denn sie ermöglichte es den Opfern der Angriffe, ihre Erlebnisse öffentlich zu schildern, bezog klar Stellung gegen jede Art von Rassismus und bewirkte, dass überhaupt eine Diskussion angestoßen wurde.

Für den Flüchtlingsrat hatte die Demonstration insoweit noch ein Nachspiel, als dass die CDU sowohl im Innenausschuss und als auch in der Ausländerkommission des Landtages das Thema auf die Tagesordnung setzte und u.a. fragte, ob der Flüchtlingsrat die Reisekosten für die „angereisten Chaoten“ übernommen habe. Auch hier zeigt sich wieder die fast verschwörungstheoretisch anmutende Fiktion einer Kampagne gegen das zu Unrecht in Verruf geratene Algermissen, welche der Flüchtlingsrat initiiert haben soll.

Eine offizielle Entschuldigung der Gemeinde bei den Flüchtlingen ist bis heute nicht erfolgt, die einzige Konsequenz ist eine Renovierung der Unterkunft. Jedoch fordert u.a. der Flüchtlingsrat keine neu getünchten Wände, sondern die Schließung aller Sammelunterkünfte. Dennoch gibt es auch Entwicklungen zu berichten: ein erster Verdächtiger wurde in der Zwischenzeit verhaftet, weitere Tatbeteiligte konnten ermittelt werden. Auch hat sich in Algermissen eine Gruppe von Personen zusammengefunden, die diskutieren, wie etwas gegen Rassismus im Dorf unternommen werden kann.
Zwei Monate nach der ersten Demonstration gab es in Algermissen noch eine weitere Demonstration unter dem Motto ‘Deutsche Realitäten angreifen! Rassismus bekämpfen’, zu der antifaschistische und antirassistische Gruppen aus Hannover und anderen Städten aufgerufen hatten und an der sich ca. 400 Menschen beteiligten. Auch diese Gruppen haben angekündigt, weitere Aktionen gegen Rassismus in Algermissen durchzuführen. So bleibt zu hoffen, dass sich auf lange Sicht vielleicht doch etwas in Algermissen bewegt. Doch bleiben wird das Wissen, dass es in Deutschland noch unzählige andere ‘Algermissen’ gibt, in denen ein Klima herrscht, das rassistische Vorfälle wie in Algermissen ermöglicht – auch wenn sie bislang (noch) nicht geschehen sind. Hieran etwas zu ändern, ist ein weiter Weg.


Letzte Aktualisierung 14. März 2003
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