Kirchenasyl
gebrochen
Ausländerbehörde in Nienburg veranlasst
Räumung eines Kirchenasyls in Schleswig-Holstein
Bettina Stang
Am 2. November wurde die Kurdin Mehdiye Yardimci gemeinsam mit
ihrem sechsjährigen Sohn in Friedrichsstadt vor dem kirchlichen
Gemeindehaus vom Gehsteig weg (wo sie Fenster putzte) von einem
mehrköpfigen Polizei-Kommando (Zeugen sprechen von einem Einsatz
von acht Polizisten) verhaftet. Die schwer traumatisierte und asthmakranke
Frau Yardimci kollabierte wenig später auf dem Polizeirevier
und wurde daraufhin eiligst in die nächst gelegene Intensivstation
eingeliefert, was den zuständigen Haftrichter aber nicht davon
abhielt, den von der Ausländerbehörde in Nienburg verlangten
Abschiebehaftantrag dennoch auszustellen.
Erst der Landrat des Kreises, der von den Unterstützern des
Kirchenasyls alarmiert wurde, konnte erreichen, dass der Haftbefehl
wieder aufgehoben wurde und Frau Yardimci statt von der Abschiebehaftanstalt
Langenhagen von einer psychiatrischen Klinik aufgenommen werden
konnte. Auch die Inhaftnahme des Kindes wurde innerhalb kurzer Zeit
wieder rückgängig gemacht. Die Unterstützer des Kirchenkreises
gehen nun davon aus, dass das fachärztliche psychiatrische
Gutachten der Klinik weitere Abschiebeversuche gegen die Familie
verhindern und das Bundesamt davon überzeugen wird, die Krankheit
Yardimcis als Abschiebehindernis einzustufen. – Das wäre
nicht wirklich ein glücklicher Ausgang: die Retraumatisierung
als Preis für das Bleiberecht!
Die Familie Yardimci lebte schon mehrere Monate im Kirchenasyl,
das von mehreren Kirchenkreisen Frieslands getragen wurde. Erst
nachdem bereits die Fluchtgründe des Mannes vom Bundesamt zurückgewiesen
worden waren, entschloss sich die Ehefrau zu einer eigenen Aussage,
die in Form eines Folgeantrags eingereicht wurde. Doch das Bundesamt
wollte nicht glauben, dass Mehdiye Yardimci als 17-jährige
auf einer Polizeistation mehrfach vergewaltigt wurde und daraufhin
eine Fehlgeburt erlitten hatte. Über diese Traumatisierung
wurde im Kirchenasyl ein erstes Gutachten erstellt, das aber von
den Behörden als ‘unzureichend’ zurückgewiesen
wurde. Die Unterstützer hatten für die Familie eigens
eine Wohnung aus Kirchenbesitz angemietet, doch kurze Zeit vor der
Polizeiaktion wurde den Unterstützern mitgeteilt, dass diese
Wohnung nicht länger als ‚geschützt’ angesehen
werde; die Familie zog sich daraufhin in die Enge des Gemeindehauses
zurück.
Die Verhaftung fand dann genau einen Tag vor einer geplanten Veranstaltung
statt, bei der das Schicksal der Familie öffentlich gemacht
werden sollte. Da liegt die Spekulation nahe, dass einige Behördenmenschen
in Nienburg dem zuvor kommen wollten und einen Haftbefehl herausgaben
– gleichzeitig aber offenbar auch nichts davon wussten, dass
die Familie inzwischen von der Wohnung weg ins Gemeindehaus gezogen
war. Die verlassene Wohnung, wo man die Verhaftung der ganzen Familie
hätte durchziehen können, war auch tatsächlich durchsucht
worden, bevor dann Mutter und Sohn auf dem Gehsteig erwischt wurden.
Der Rest der Familie im Schutz des Gemeindehauses wurde nicht angegriffen.
„Gemeinderäume gelten hier in Schleswig-Holstein zum
Glück noch als tabu“, sagt dazu Fanny Dethloff, Flüchtlingsberaterin
der nordelbischen Kirche, die sich über die Kühnheit der
Beamten wundert, schon auf dem Gehsteig den Zugriff für durchsetzbar
zu halten. Darüber hinaus hatten die örtlichen Behörden
zuvor ausdrücklich zugesagt, das Kirchenasyl respektieren zu
wollen. Dass es dennoch zu dieser grausamen Zuspitzung Anfang November
kam, ist offenbar allein mit dem Haftbefehl der Ausländerbehörde
Nienburg zu erklären, bei der die ausländerrechtliche
Zuständigkeit für die Familie liegt. Die Polizeibeamten
jedenfalls verteidigten sich gegenüber einer empörten
Öffentlichkeit damit, in ‘Amtshilfe’ zum Vollzug
der Inhaftnahme verpflichtet gewesen zu sein. Weitere lokale Behörden
wurden offenbar erst gar nicht informiert – der Landrat in
Husum jedenfalls hat sich laut Dethloff immer sehr betroffen vom
Schicksal der Familie gezeigt – und setzte sich dann ja auch
erfolgreich für eine humanere Umgehensweise mit Frau Yardimci
ein. (Unter dem Suchbegriff ‘Kirchenasyl’ lässt
sich auf der Webseite des Kreises Nordfriesland auch die offizielle
Pressemitteilung über Diskussionen und Beschlüsse des
Landkreises von Anfang November nachlesen, www.nordfriesland.de).
Welche Hintergründe und Nachwirkungen dieser Eingriff in
ein zuvor ausdrücklich von den Landesbehörden respektiertes
Kirchenasyl auf höherer politischer Ebene hatte und noch haben
wird, ist ungewiss. Laut Fanny Dethloff will die Landesregierung
gegenüber der Kirche durchsetzen, dass künftig nur noch
‘stille’, also nicht-öffentliche, Kirchenasyle
akzeptiert werden.
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