Medizinische Versorgung psychisch kranker Menschen in der Türkei

Anlage zum Lagebericht Türkei 10/2002, Stand Mitte August 2002

Dr. Gisela Penteker

Gegenüber der Anlage vom März 2002 ist die jetzige Anlage nur geringfügig verändert.

Unsere Kritik vom Mai 2002 gilt unverändert. Einige der scheinbar marginalen Veränderungen scheinen mir doch erwähnenswert, weil sie zeigen, dass die Berichte weiterhin die dramatisch schlechte Versorgungslage herunter spielen.

2.1: in der alten Anlage hieß es: Die SSK verfügt landesweit über drei psychiatrische Kliniken (Istanbul). Daß alle drei Kliniken sich in Istanbul befinden, wird jetzt nicht mehr erwähnt. Weil das dann für den Leser mehr nach ‘landesweit’ klingt?

2.4: Es gibt weiterhin keine Aussagen darüber, wie die 137 Krankenhäuser über das Land verteilt sind. Der Zusatz, dass das Amt des Behindertenbeauftragten aufgrund der in den Krankenhäusern erteilten Atteste die Behindertenkarte ausstellt, suggeriert klare Zuständigkeiten. Er sagt aber weiterhin nichts darüber aus, welchen zeitlichen und finanziellen Aufwand es für die Angehörigen von Behinderten bedeutet, diese Behindertenkarte tatsächlich zu erhalten und welchen Benefit die Karte bringt.

2.5: Die Einrichtung von Selbsthilfeorganisationen und das studentische Engagement sind sicher sehr begrüßenswert. Der deutschen Vertretung in der Türkei dürfte aber sehr vertraut sein, mit welchen bürokratischen Schwierigkeiten und staatlichen Behinderungen solche Organisationen zu kämpfen haben. Diese Hindernisse blockieren in den meisten Fällen alles lobenswerte und bewunderungswürdige persönliche Engagement und binden nahezu alle finanziellen und persönlichen Ressourcen.

2.6: Der Absatz zur Behandlung der Posttraumatischen Belastungsstörung ist ausführlicher geworden. Auch hier wird eine Behandlungsmöglichkeit suggeriert, die unseres Erachtens in der Realität nicht existiert. Auch in der jetzigen Anlage fehlt der wesentliche Gesichtspunkt, dass Menschen, die in der Türkei durch Flucht und Folter traumatisiert worden sind, nicht dort therapiert werden können, weil die Ursachen des Traumas fortbestehen, weil sie ihren Peinigern wieder in die Hände fallen können. Diese reale Gefahr kann auch ein noch so gut ausgebildeter Therapeut mit ‘Atemtraining und Förderung des positiven Denkens’ etc. nicht wegtherapieren. Die erfolgreiche Behandlung der traumatischen Belastungsstörung erfordert nach allen medizinischen Erkenntnissen (und nach dem gesunden Menschenverstand) persönliche Sicherheit und ein funktionsfähiges soziales Netz.

Die Punkte 5 und 6 wurden in der neuen Anlage weggelassen. Die Aufzählung der Versuche, die Situation von geistig und körperlich behinderten Menschen zu verbessern, warf wohl doch ein zu deutliches Licht auf die desolate Realität.



Letzte Aktualisierung 14. März 2003
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