Amen
acas kate!
Bleiberechtskampf der Roma
Peter Kerbel
Amen acas kate! – Wir bleiben hier! Unter diesem Motto steht
der Protest vieler Roma aus Ex-Jugoslawien in den vergangen Monaten.
Seit April 2002 kämpfen sie für ein Bleiberecht. Ziemlich
auf sich allein gestellt und in der deutschen Bevölkerung oftmals
eher mit Rassismus und Antiziganismus konfrontiert als mit Solidarisierungen,
setzten sie auf das Mittel des zivilen Ungehorsams, um überhaupt
Gehör zu finden.
Der Verlauf der Proteste war seit Anfang des Jahres sehr kurvenreich.
Nach der Protestkarawane im Frühsommer, einigten sich Düsseldorfer
und Essener Roma, während des Wahlkampfes nichts zu machen,
viele grüne Landes- und BundespolitikerInnen hatten sich mit
ihren Forderungen solidarisiert und Unterstützung zugesagt.
Nach der Wiederwahl allerdings, sind die Versprechen vergessen.
“Grüne machen Scheiße” – war die treffende
Antwort der Roma. Mit Besetzungen und Kundgebungen lebte der Protest
vor den Innenministerkonferenzen (IMK) wieder auf.
Die Bleiberechts-Karawane
Nach ersten Abschiebungen von Roma aus Essen kamen im April 2002
immer mehr Roma-Familien in der Essener Unterkunft Portendiekstraße
zusammen. Bald war das Haus überfüllt und die ersten begannen,
draußen zu campieren. Das Anliegen der 500 Familien die sich
versammelt hatten, war in erster Linie Schutz vor und Protest gegen
Abschiebung. Bald zogen sie in die Essener Innenstadt, um dort ihre
Zelte aufzuschlagen, kehrten jedoch aus “Respekt vor der Polizei”
in die Unterkunft zurück. Der Dauerprotest setzte sich in Bremerhaven
zur IMK am 5. Juni fort. Die Innenminister kündigten die Abschiebung
von Roma – auch ins Kosovo – “noch in diesem Jahr”
an.
In Bremerhaven startete die Karawane, die ihren Protest durch
ca. 10 weitere Städte trug. Die erste Station nach der IMK
war Berlin. 650 angereiste Roma wurden von der Stadt Berlin in einer
Flüchtlingsunterkunft untergebracht – ihnen sollte die
Möglichkeit gegeben werden, ihren Protest durchzuführen.
Doch schon am 7. Juni wurde die Unterkunft von einem großen
Polizeiaufgebot umstellt. Die Roma mussten ihre Papiere abgeben
und wurden durchsucht. “Damit nicht genug. Die Polizisten
“markierten” sie provisorisch mit Armbändern aus
Plastik. “Zwei Frauen fielen in Ohnmacht, andere wollten in
Panik aus der sechsten Etage springen und die Kinder schrieen vor
Angst”, berichtet Dzoni Sichelschmidt, ein Sprecher des CIAE
Roma e.V.” Am 10. Juni demonstrierten 500 Roma in Berlin für
ein Bleiberecht und am folgenden Tag gegen die geplante Unterzeichnung
eines Abkommens zwischen der BRD und der BR Jugoslawien zur beschleunigten
Abschiebung vor der jugoslawischen Botschaft.
Am 13. Juni erreicht die Karawane Hannover. Der Hannoveraner Verein
Romane Aglonipe – Roma aus Niedersachsen e.V. veranstaltete
am 13.6. eine Demonstration in der Innenstadt Hannovers und anschließend
eine Pressekonferenz. Bereits im Mai hatte der Verein mehrtägige
Protestkundgebungen vor dem Niedersächsischen Landtag unter
dem Motto “Flucht und Vertreibung der Roma beenden”
organisiert. Von Hannover zog die Karawane einige Tage später
weiter über Bielefeld nach Münster, Wuppertal und Köln.
Am 21. Juni erreichte sie die vorerst letzte Station. In einer “Zeltstadt”
auf öffentlichen Plätzen in Düsseldorf setzten 500
Roma ihren Dauerprotest gegen die Abschiebung, der bis heute andauert,
fort. Auch in anderen Städten geht der Protest weiter. In Berlin
demonstrierten 200 Roma am 16. September vor dem Bundesinnenministerium
gegen die Unterzeichnung des Abschiebeabkommens mit der BRJ. Schily
und sein jugoslawischer Kollege Zivkovicin vereinbarten “moderne
Rückübernahmenstandards” (!) die vor allem Roma
aus Ex-Jugoslawien betreffen. Rest-Jugoslawien erklärt sich
damit zur Aufnahme all jener bereit, die noch über einen blauen
Pass oder anderweitige Ausweispapiere der früheren Sozialistischen
Bundesrepublik Jugoslawien verfügen – auch wenn die Papiere
ungültig geworden sind oder die Betroffenen aus der Staatsangehörigkeit
entlassen sind. So können Roma aus Mazedonien und dem Kosovo
künftig nach Serbien oder Montenegro abgeschoben werden.
Mehr als nur Wahlkampfblasen
In der Hochzeit des Wahlkampfes bis zum 22. September hielten
sich viele Roma - insbesondere die des Protestcamps in Düsseldorf
- mit ihrem Protest zurück. Der Grund: Grünen-PolitikerInnen
hatten sich mit der Forderung nach Bleiberecht solidarisiert und
ihre Unterstützung zugesagt. Das blieb freilich heiße
Luft. Und nach dem Wahltermin änderte sich die grüne Einstellung
zu diesem Protest augenscheinlich.
Um die Grünen an ihre Zusagen und Versprechen aus Vor-Wahlkampf-Zeiten
zu erinnern wollten die Roma aus der Düsseldorfer Zeltstadt
eine Kundgebung bei deren Delegiertenkonferenz in Bremen abhalten..
Doch dazu kam es erst gar nicht. Als sie sich am frühen Morgen
des 18. Oktober mit Bussen auf den Weg nach Bremen machen wollten,
wurden sie noch auf dem Platz von massiver Polizeipräsenz an
der Abfahrt gehindert. Die Begründung: “Vorbereitung
einer Straftat”; wobei mit “Straftat” die Verletzung
der Residenzpflicht gemeint war, bei der es sich allerdings um eine
Ordnungswidrigkeit handelt. Was wohl eher Hintergrund der Aktion
war, schreibt die Antirassistische Initiative Berlin in einer Pressemitteilung:
“Mit Drohgebährden der Düsseldorfer Polizei und
mit der tatsächlichen Verhinderung der Abfahrt der Busse, versucht
die Politik jetzt mit Gewalt, den Widerstand der Roma-Flüchtlinge
zu brechen.”
Zweihundert Roma zogen nach der Polizeiaktion zu Fuß los
- Richtung Bremen., erklärten sie. Es ging zu Fuß z.T.
über die Autobahn und mit Bussen weiter nach Essen. Dort wurde
die Karawane schließlich gestoppt: Für alle Flüchtlinge
des Camps wurde die Bewegungsfreiheit auf den Regierungsbezirk Düsseldorf
beschränkt – und der endet in Essen. Ein weiterer Versuch,
den Widerstand zu brechen ist der Versuch, den Roma-Sprecher Metusch
Berati abzuschieben. Gegen die für Anfang November angesetzte
Abschiebung gingen am 2. November 500 Menschen in Düsseldorf
auf die Straße. Berati ist seitdem untergetaucht. Nach der
Zuspitzung des Konflikts durch die Polizeieinsätze und nach
den gebrochenen Versprechungen und Vertröstungen der Grünen,
sind diese selbst immer häufiger Ziel der Kritik.
IMK Bremen
Der Protest im November richtete sich bereits gegen die Innenministerkonferenz
Anfang Dezember in Bremen. Am 18.11. besetzten Roma die Landesgeschäftsstelle
der mitregierenden und mitabschiebenden PDS in Berlin. Sie fordern
ein Gespräch mit Innensenator Körting. Körting versprach
am 20.11. einen Antrag für ein Bleiberecht der Roma auf der
IMK einzubringen und bis zur Entscheidung nicht abzuschieben. Doch
bereits zwei Tage später sollte eine Roma-Familie von Körtings
Behörden abgeschoben werden. Der Versuch scheiterte, da sich
die Mutter an dem betreffenden Tag im Krankenhaus befand –
am Vorabend hatte sie versucht sich ob der bevorstehenden Abschiebung
das Leben zu nehmen. Im Übrigen kam Körtings IMK-Vorschlag
– wie zu erwarten – nicht durch.
Auch in Düsseldorf gab es eine Besetzung. Am 27.11. besetzten
Düsseldorfer Roma die Landeszentrale der nordrhein-westfälischen
Grünen. Sie forderten ein Gespräch mit den PolitikerInnen,
die sich unlängst zuvor ihrer Forderung nach Bleiberecht angeschlossen
hatten. Die Antwort überbrachten ihnen andere “Grüne”:
Polizei kam in der ersten Nacht der Besetzung und räumte im
Auftrag der selbsternannten Menschenrechtspartei das Gebäude.
Eine Woche später fand die Innenministerkonferenz in Bremen
statt. Roma aus verschiedenen Städten und libanesische Bürgerkriegsflüchtlinge
aus Northeim und Bremen planten dort gemeinsam für ein allgemeines
Bleiberecht zu demonstrieren. Als in Bremen am 4.12. morgens in
der Lokalpresse zu lesen ist, dass der Vorsitzende der Ministerrunde,
Bremens Innensenator Kuno Böse, mit einer geringen Beteiligung
an der Flüchtlingsdemo rechnet und auf die Durchsetzungskraft
seiner Kollegen setzt (“Es muss gelingen, Menschen, die räumlichen
Beschränkungen unterliegen, an der Anreise zu hindern”)
, durchsuchen 20 Mitarbeiter der Polizei und der Ausländerbehörde
das Protestcamp der Roma in Düsseldorf. “Die Behördenmitarbeiter
weckten die Roma durch Fußtritte gegen die Matratzen, leuchteten
ihnen in die Gesichter und verlangten die Papiere zu sehen. Die
Roma verweigerten sich einer Personalienüberprüfung und
mobilisierten innerhalb kürzester Zeit rund 50 Unterstützer,
woraufhin die Behördenvertreter unverrichteter Dinge wieder
abziehen mussten. Die Überprüfungsaktion war auf ein Amtshilfeersuchen
der Stadt Essen hin durchgeführt worden” Gesucht wurden
fünf Roma, die abgeschoben werden sollten. Nach der polizeilichen
Weckaktion besetzten sie die Landesgeschäftsstelle der SPD
in Düsseldorf, erinnerten jene SPD-PolitikerInnen an die zugesagte
Unterstützung und forderten einen sechsmonatigen Abschiebestopp
vom Land NRW. SPD-PolitikerInnen sagten zu, sich dafür einzusetzen.
Am folgenden Tag, den 5.Dezember forderten in Bremen rund zweihundert
Menschen – Roma und libanesische Bürgerkriegsflüchtlinge
aus ungefähr sieben Städten und deutsche UnterstützerInnen
– vor der IMK ein allgemeines Bleiberecht. In Sicht- und Hörweite
der Innenminister hielten sie während des Treffens in Bremen
Mittags eine Kundgebung ab. Viele der Teilnehmenden besuchten auch
die anschließende Demonstration linker Bremer Gruppen, die
sich gegen die von den Innenministern beschlossenen Massenabschiebungen,
den Kontroll- und Sicherheitswahn und die deutsche Kriegspolitik
richtete. Ungefähr tausend Menschen nahmen an der Demonstration
teil, die mit einem massiven Polizeiaufgebot und begleitet von Wasserwerfern
und Räumpanzern um die Bremer Innenstadt geleitet wurde.
Währenddessen beschloss die Ministerrunde kein Bleiberecht
für Roma. Auch im Winter wird weiter abgeschoben. Im Frühjahr
ist mit dem Beginn der Massenabschiebungen ins ehemalige Jugoslawien
zu rechnen. Angesichts der bevorstehenden Neuauflage rassistischer
Stimmungsmache bei der erneuten Diskussion des sog. “Zuwanderungsgesetztes”
ist es noch immer dringlich, Roma-Flüchtlinge und andere Flüchtlingsgruppen,
die für ein Bleiberecht kämpfen, zu unterstützen.
Die, die ihre Abschiebung nicht einfach hinnehmen und sich kollektiv
zur Wehr setzen, sind zunehmender Repression und Verfolgung auf
vielerlei Weise ausgesetzt. Sie haben unsere Solidarität im
Kampf gegen Entrechtung und den Rassismus in Staat und Gesellschaft
dringend nötig.
|