Aufruf
zur Legalisierung aller ‘sans papiers’ in Europa
Die Situation der illegalen ImmigrantInnen, der sogennaten ‘sans
papiers’, die ein immer wiederkehrendes Problem in Frankreich
bildet, ist keine nationale Besonderheit. Überall in Europa
warten Menschen in einer ähnlich auswegslosen Situation auf
ein besseres Schicksal. Es ist diese europäische Ebene, auf
der sich die Fragen stellen; es ist Europa, das darauf eine Antwort
finden muss.
Den sans papiers, die seit mehreren Wochen ein weiteres Mal ihre
Stimme erheben, begegnet die französische Regierung mit einer
Anweisung an die Präfekte, die Anträge auf Legalisierung
von Fall zu Fall zu überprüfen und dabei die ‘menschliche
und soziale Ebene’ zu berücksichtigen. Der Innenminister,
Nicolas Sarkozy, der sich damit rühmt, eine ‘ausgewogene’
und ‘den Interessen Frankreichs entsprechende’ Politik
in der Frage der Immigration vorzuschlagen, verspricht ein Gesetz,
dass der Regierung ‘die juristischen Mittel’ in die
Hand geben wird, ‘die Phänomene einzudämmen, die
die Franzosen verständlicherweise zur Verzweiflung bringen’.
Dennoch muss man zugestehen, – angenommen, dass dies ins Auge
gefasst wird – dass die Zurückweisung der Gesamtheit
der sans papiers vom materiellen, wirtschaftlichen oder einfach
menschlichen Standpunkt her gesehen undurchführbar ist. Und
was soll mit denen geschehen, die nicht legalisiert werden?
In diesen Erklärungen wird keine Anspielung auf die europäische
Dimension der Frage gemacht, die doch eigentlich jegliche Initiative
der EU-Mitgliedsstaaten in der Frage der Asyl- und Immigrationspolitik
leiten sollte.
Im Rahmen der Tagung des Europarats in Sevilla im Juni 2002, wo
die zukünftige, gemeinsame Immigrations- und Asylpolitik einen
großen Raum eingenommen hatte, wurden die Rechte der in erster
Linie Betroffenen, der Angehörigen von Drittstaaten, nur am
Rande angesprochen.
Die Rechte derer, die de facto Einwohner sind, einmal sans papiers,
ein anderes Mal Illegale genannt, wurden in keiner Weise erwähnt.
Ein weiteres Mal drehte sich das Wesentliche der Debatten um die
Überwachung der Grenzen, die Möglichkeiten der legalen
Wiedereinreise in die Herkunftsländer und die polizeiliche
Zusammenarbeit im Kampf gegen die illegale Einwanderung. Europa,
in dem Maße wie es sich von Schritt zu Schritt konstruiert,
entwirft Regelungen, die darauf abzielen – so gibt es vor
– die ‘Migrationströme in den Griff zu bekommen’.
Den einen den Zugang zum europäischen Territorium verweigern,
die Integration der anderen organisieren – diejenigen, die
von den europäischen Wirtschaften, den Rentensystemen sogar,
gebraucht werden – das ist die ‘Verwaltung’, die
uns angekündigt wird.
Während auf die angekündigte, große Vereinheitlichung
der europäischen Migrationspolitiken gewartet wird, verschärfen
sich die Haltungen in jedem einzelnen Staat der Union. Hinter dem
Begriff der Verwaltung verbergen sich Regelungen wie auch die administrativen
Praktiken, die oftmals nichts anderes als eine Mischung von Repression,
von Betrugsverdacht und von Vorenthaltung von Rechten sind. Von
Zeit zu Zeit, wenn die Situation der Verzweiflung nahe kommt, wenn
die Bewegungen der sans papiers eine breite Unterstützung und
Solidarität finden, geht die öffentliche Gewalt zu breitangelegten
Legalisierungen über. Daraus entsteht aber auch gleich wieder
die Unrechtssituation derer, die den Sklaven des dritten Jahrtausends
gleichen.
Die politischen Instanzen der Europäischen Union arbeiten
beispielsweise an der Verabschiedung von Texten über das Recht
der Familienzusammenführung oder über die Minimalnormen
für die Aufnahme von Asylbewerbern. Aber auch wenn sie die
Notwendigkeit gegen die Fremdenfeindlichkeit und den Rassismus zu
kämpfen ansprechen, so schenken sie den Rechten der ausländischen
EinwohnerInnen wenig, und im Besonderen den Illegalen gar keine
Aufmerksamkeit, die durch diskriminierende Regelungen erst zu dem
gemacht worden sind, was sie sind.
So ist es jetzt an der Zeit, auf europäischer Ebene ein wahrhaftes
Recht der MigrantInnen zu verankern.
Denn sie sind da. Einige zehn, vielleicht sogar einige hunderttausende
auf der Gesamtheit des europäischen Territoriums. Sozusagen
ein Wassertropfen im Verhältnis zur Unordnung, die auf dem
Planet Erde herrscht. Ein Wassertropfen, der als eine Springflut
oder ein unerträglicher Strom dargestellt wird und so der Fremdenfeindlichkeit
und dem Rassismus Nahrung verschafft.
Diese Angehörigen armer, instabiler oder sich im Krieg befindender
Länder haben Europa gewählt, für immer oder für
einige Jahre. Die meisten von ihnen arbeiten dort, ziehen manchmal
ihre Kinder groß; sie konsumieren; einige nehmen am Leben
ihrer Viertel teil, handeln in ihrer nächsten Umgebung. Viele
spielen eine wichtige Rolle in der Entwicklungshilfe für ihr
Dorf oder ihre Region, oder ganz einfach für das Überleben
vieler ihnen Nahestehender, die im Land geblieben sind. Sie tragen
also sowohl zum wirtschaftlichen und kulturellen Reichtum Europas
als auch zur Entwicklung des Rests der Welt bei.
Es ist unerträglich, es dabei zu belassen, dass diese Menschen,
wovon einige schon seit Jahren mit uns leben, von allem ausgeschlossen
bleiben, worauf die Staatsbürgerschaft gründet, dass sie
in der permanenten Angst leben, abgeschoben zu werden, dass sie
elementarer Rechte enthoben sind und dass sie zur Beute von Kriminellen
jeglicher Art werden: illegale Arbeitgeber, Eigentümer von
menschenunwürdigen Wohnungen, Zuhälter etc..
Das Argument des Irrealismus gegenüber denen, die sich gegen
die Behandlung, die ihnen entgegengebracht wird, auflehnen, ist
schon seit langer Zeit entkräftet worden: Die europäischen
sans papiers sind da, weil sie Arbeit finden; und wenn sie wahrhaftige
Rechte hätten, dann könnten sie auch in die Sozialversicherung
einzahlen, und viele von ihnen würden aktiv werden und Arbeitsplätze
schaffen. Das Risiko, einen ‘Sogeffekt’ hervorzurufen,
wurde bisher nicht bewiesen. Nichts sagt vorher, wenn man die Bewegungsfreiheit
an den Pforten Europas begünstigt, dass man dann nicht Ein-
und Ausreisen in beide Richtungen feststellen könnte, mit der
spontanen Abreise derjenigen, die gerade ihr Glück in Europa
versucht haben.
Was im Gegenzug dazu sicher ist, ist, dass der Respekt der Werte
des Rechtsstaats den Kampf gegen jede Form der Ungleichheit mit
einschließt und Sonderstatute, die Einzelnen zugewiesen werden,
nicht tolerieren kann.
Aus diesen Gründen halten wir es für gerecht zu fordern:
– dass alle de facto Einwohner auf dem Gebiet der Europäischen
Union dort wo sie sind einen Aufenthaltsstatus erhalten;
– dass die europäischen politischen Instanzen es zu einer
Verpflichtung aller Mitgliedsstaaten machen, diese Menschen gegen
diejenigen zu schützen, die sie ausbeuten, und ihnen den Zugang
zu Rechten garantieren, die aus ihrer Anwesenheit und ihrer Arbeit
hervorgehen;
– dass die Staaten der Europäischen Gemeinschaft Maßnahmen
ergreifen, die auf die Abschaffung der Situationen zielen, in denen
es Ausländer ohne Titel und ohne Recht gibt, und die einen
Status des europäischen Einwohners einführen;
– dass Europa das Recht auf Freizügigkeit für alle,
ohne Ansehen der Staatsangehörigkeit, als Grundsatz aufnimmt;
– dass in kürzester Zeit die Frage der jetzigen sans
papiers durch eine Richtlinie geregelt wird, die die Mitgliedsstaaten
dazu verpflichtet, zu einer Legalisierung aller sans papiers überzugehen.
13. September 2002
Organisationen, die den Aufruf unterzeichnen
möchten, können dies durch Fax (auf französisch,
englisch, spanisch oder italienisch) an die 00 (33) 1.43.14.60.69
oder durch mail an
regul-europe@ras.eu.org.
mitteilen.
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