|
Die folgenden Diskussionsthesen sind kein stringentes Referat,
sondern Thesen zu einer kontroversen und sehr wichtigen Diskussion.
Sie können aber einen Rahmen bilden in dem sich das zentrale
Thema des Seminars durchaus öfters widerspiegeln kann.
Mit dem Thema Europa hat der BUKO schon lange Schwierigkeiten.
Es gab in den letzten 15 Jahren Versuche das Thema zum Beispiel
über die Debatte um den Binnenmarkt (1992) zu besetzen. Zuletzt
geschah dies bei der Einführung des EURO. Auch konkrete historische
Termine wie 500 Jahre Kolonialismus wurden aufgegriffen. Die Ergebnisse
waren ernüchternd. Das Thema bedarf aber dringend einer neuen
Bearbeitung, da die dominanten linken Positionen daneben liegen.
Heute gibt es einerseits die dominanten gesellschaftlichen Kräfte,
die die EU, abgesehen von kleinen Fehlern als das zivilisatorische
Projekt abfeiern, und andererseits eine Restlinke, die entweder
auf den nationalen Rahmen fixiert ist (z.B. antideutsche Positionen)
oder verschwörungstheoretisch den US-Imperialismus für
alle Schweinereien verantwortlich macht. Die zentrale Frage, ob
das EU-Projekt nach dem Ende der bipolaren Situation Fessel oder
Sprungbrett deutscher Interessen ist, wird von diesen beiden Positionen
zu einseitig wahrgenommen. Dazu zunächst vier historische Argumentationsfiguren,
die für mich zentrale historische Eckpunkte sind, auch was
heutige europäische Außen- und Sicherheitspolitik betrifft.
1. Deutschland ist im Gegensatz zu vor hundert Jahren eine saturierte
Großmacht innerhalb der EU. Vor dem ersten Weltkrieg war Deutschland
ein aufholender Konkurrent mit einer reaktionären nationalistischen
Elite. Seit einigen Jahren verschiebt sich die politische und ökonomische
Klasse in Deutschland. Sie wird europäischer, wenn auch im
Zeitlupentempo. Eine politische Renationalisierung, obwohl als potentielle
Alternative und als Stammtischargument immer in Europa präsent,
wäre mit drastischen ökonomischen und politischen Verlusten
auch für die politische Klasse verbunden. Sie ist daher unwahrscheinlich,
selbst wenn noch mehr Figuren à la Haider und Berlusconi
an die Macht kommen sollten
2. Der deutsche Faschismus wird bekanntlich von der neuen rot/grünen
Elite in ziemlich übler Form funktionalisiert (vgl. Krieg gegen
Ex-Jugoslawien). Gern wird die ' historische Zivilisierung' Deutschlands
durch Europa beschworen. Die EU historisch als Antwort auf den Holocaust
zu begreifen, ist aber eine falsche These. Richtig ist, dass die
Zeit von der Montanunion bis zu den Römischen Verträgen
genutzt wurde, um die Kriegsunfähigkeit der alten Nationalstaaten
innerhalb Europas sicher zu stellen. Dies geschah allerdings unter
dem Schirm der Hegemonie der USA.
3. Mit der sogenannten Suez-Krise von 1956 verloren die europäischen
Kolonialmächte endgültig ihre strategische Stellung. Sie
waren nicht mehr in der Lage eigenständige Weltpolitik zu betreiben.
Die Ablösung klassischer Kolonialmächte durch die Supermächte'
war vollzogen. Allerdings behielt sich zum Beispiel Frankreich vor,
in Afrika weiter militärisch präsent und auch aktiv zu
sein, um seine ökonomischen Interessen zu schützen. Der
begrenzende Rahmen war die bipolare Situation. Südliche Eliten
konnten, nachdem sie die Befreiung der Fahne erreicht hatten, bis
Mitte/ Ende der 80er Jahre durchaus eigene Interessen durchsetzen.
Die Lomé-Verträge (ab 1975) sind ein Beispiel. Darin
wurden die spezifischen ökonomischen Beziehungen zwischen der
AKP-Staatengruppe (Ex-Kolonien) und der EU geregelt. In dem neuen
Abkommen konnten sich demgegenüber EU-Interessen weitgehend
durchsetzten.
4. Eine europäische Armee war in der Zeit der Blockkonfrontation
nicht möglich. Eigenständige deutsche Ansprüche,
zum Beispiel der Griff nach Atomwaffen, scheiterten und auch europäische
Versuche kamen über Sandkastenspiele nicht hinaus. Die WEU
fristete zum Glück ein Schattendasein. Und im EU-Haushalt gab
es keinen eigenständigen Posten der unter dem Stichwort Rüstung
bzw. Verteidigung gebucht wurde.
Mit Beginn der 90er Jahre änderte sich bekanntlich der historische
Rahmen.
Militärische Lösungen stehen wieder auf der Tagesordnung.
Zudem droht in einer neuen Qualität die Abkopplung eines militärisch
industriellen Komplexes auf europäischer Ebene. Auf den Punkt
gebracht: militärisches Denken ist wieder in. Das wird auch
auf andere Bereiche, zum Beispiel Flüchtlingspolitik, ausstrahlen.
Im folgenden dazu einige Argumentationsfiguren.
Die Salamitaktik der 90er Jahre
Nachdem der Feind östlich der Elbe implodierte, wurden Anfang
der 90er Jahre hektisch neue Aufgaben für die westlichen Armeen
gesucht. Beispiel sind die Verteidigungspolitischen Richtlinien'
von 1992, die unter Rühe geschickt das Vokabular der Friedensforschung
und in Teilen auch der Friedensbewegung okkupierten. Stichworte
sind Peacekeeping' oder Peaceenforcement'. Auch die
praktische Vorgehensweise wies taktische Finessen auf. Zunächst
spielte der BGS in Namibia Wahlbeobachter, dann gab es in Kambodscha
ein Feld-Lazarett. Bitte, wer konnte da schon dagegen sein? Und
die Friedensbewegung verlor gleichzeitig an Bedeutung, da sie die
neue Situation, im Gegensatz zur politischen Klasse nicht erkannte.
Sie blieb in ihrer Vorstellungswelt weiter im Kalten Krieg'
verhaftet. Die Propaganda im Golfkrieg argumentierte über Katastrophen,
die auch Europa erreichen könnten.
Viele der Restlinken stellten sich die Frage, ob die historische
Situation die Tür zu nationalen deutschen Alleingängen
öffnete? Nein, die Grundlage für die militärischen
Planungsstäbe war die Revision der NATO-Strategie im Sommer
1990 (Londoner Erklärung', Juni 1990). Stichwort dafür
ist die Neue Weltordnung von Daddy Bush und intellektuelle
Ratgeber waren Vordenker à la Huntington ("clash of
civilization").
Ziel war neben dem Aufbau neuer Feindbilder die OSZE klein zu halten.
Im herrschenden Rahmen wäre sie eine potentielle Alternative
für Konfliktmanagement gewesen, die NATO sollte jedoch bei
Konflikten intervenieren. Hierzulande ist die neue Zielsetzung durch
das sog. Naumannpapier (Generalinspekteur der Bundeswehr Anfang
der 90er Jahre) bekannt geworden. Die Key-Words sind nicht mehr
"Bedrohung" sondern "Instabilitäten". Der
sogenannte "Krisenbogen" (Naumann) spannt sich von Nordafrika
bis nach Asien. In diesem "Krisenbogen" gibt es ein ganzes
Arsenal von "Instabilitäten", die je nach Bedarf
ideologisch abgerufen werden können. Drogendealer, Flüchtlinge,
Terroristen, Schurkenstaaten und islamische Fundis sind die meist
genannten Ziele der neuen Humanitätskrieger.
Verkauft wird die Geschichte durch Schlagworte wie Humanitäre
Intervention'. Wer das kritisiert, wird wie vor wenigen Dekaden
früher unter dem Stichwort, Vaterlandsverräter',
als Renegat der guten Seite abgestempelt. Die Botschaft soll gesellschaftlich
durchschlagen und das hat bisher weitgehend geklappt.
Der Krieg gegen Jugoslawien 1999 lief nach dem Drehbuch der NATO
von 1990. Wir wissen heute, daß Militärlogik gegen alle
Sonntagsreden rot/grüner PolitikerInnen vor präventiven
Instrumenten Vorrang hatte und das Verlassen der UNO-Ebene nicht
zwingend war. Der Krieg war zudem das ineinandergreifen von zwei
Strängen: die Machtlogik der Diktatur in Jugoslawien und der
Logik der Militärs der NATO. Gesellschaftliche Gegenkräfte
in Serbien als auch im EU-Europa hatten es schwer diesem ideologisch
moralischem Trommelfeuer Argumente entgegen zu setzen. Wer zudem
wie Angelika Beer behauptet, dies sei der letzte Krieg mit einem
solchen Drehbuch gewesen, der irrt sich. Die NATO mutierte in diesem
Krieg von der Bedrohungs- zur Kampfmaschine, die jederzeit wieder
einsetzbar ist.
Wechsel der Eliten
Die Flakhelfergeneration wurde ab Mitte der 90er Jahre in Europa
durch die sogenannte 68er-Generation ersetzt. Das ist für die
Restlinke wichtig, da sie bisher den Humanitätsrittern'
rhetorisch wenig entgegensetzten konnte. Das betrifft nicht nur
Deutschland mit Fischerman's Friends, sondern auch den sogenannten
Mr. GASP in Europa: Javier Solana. Alle waren früher erklärte
NATO-Gegner und auch gegen den Aufbau einer Europäischen Armee.
In ihren Ikea-Regalen türmten sich die Fachbücher über
den militärisch industriellen Komplex. Das ist alles vom Winde
verweht. Die machiavellistische Wende rotgrüner Regierungen
in Europa ging relativ glatt über die Bühne: Alle politischen
Grausamkeiten müssen so schnell wie möglich am Anfang
der Regierung durchgesetzt werden ist eine Grundregel von Machiavelli.
Und dazu gehört Krieg. Die Frage nach dem Warum bedarf einer
etwas anderen Debatte über die 68er, als wie wir sie aus der
Tagespresse kennen, und kann an dieser Stelle nicht ausgeführt
werden. Sie ist aber für die Restlinke wichtig, wenn sie politisch
wieder Oberwasser bekommen will.
Volksgruppenideologie ist weiter präsent
Ich habe bisher die Position Deutschlands als stark, aber im europäischen
Kontext eingebunden, analysiert. Deutsche Sonderwege sind wie gesagt
eher unwahrscheinlich. Es gibt aber Punkte, die auf das fortlaufen
historischer Wurzeln hindeuten. Wer Kommentatoren wie Erich Rathfelder
(taz) zur neuen Entwicklung in Mazedonien liest kommt immer auf
diesen Punkt. Deutsche Politik wollte und will Konflikte unter sogenannten
"Randvölkern" in erster Linie auf dem Balkan, immer
wieder ausnutzen. Es galt und gilt sich zur Schutzmacht von Ethnien
auf zu spielen.
Das Gerede von Volksgruppen hat weiter Konjunktur und wird auch
von der neuen Bundesregierung und rotgrünen Landesregierungen
gefördert. Ein Beispiel dafür ist das "Europäische
Zentrum für Minderheitenfragen" in Flensburg.
Rassisch begründete Desintegration ist kein Fremdwort in der
rotgrünen "Zivilgesellschaft". Weitere Protektorate
wie das Kosovo sind vorstellbar. Als Hintergrundsfolie dient ein
Europa, dass sich über konzentrische Kreise von "Kerneuropa"
hin zu Protektoraten definiert.
Nicht Abrüstung, Aufrüstung ist angesagt
Die Umwandlung der Bundeswehr in eine Interventionsarmee im europäischen
Rahmen schreitet voran. Das Konzept von Scharping sieht vor, dass
künftig rund 150.000 Soldaten für "Kriseneinsätze"
bereitstehen, um gleichzeitig an zwei Kriegsschauplätzen operieren
zu können. Dies entspricht einer Aufstockung der bisherigen
"Krisenreaktionskräfte" (derzeitige Planung 66.000)
auf das Zweieinhalbfache.
In den Verteidigungspolitischen Richtlinien von 1992 und in diversen
NATO-Dokumenten (zuletzt im neuen Strategischen Konzept vom April
1999) wurden als Ziele für das Militär u.a. genannt: Aufrechterhaltung
des freien Welthandels, Zugang zu Rohstoffen und natürlichen
Ressourcen, Abwehr von Flüchtlingen und Bekämpfung des
internationalen Terrorismus.
Das Ziel, die Herstellung einer strukturellen Angriffsfähigkeit
zu erreichen, ist immer offensichtlicher. Folgerichtig werden von
der neuen Bundesregierung jene Beschaffungsmaßnahmen vorrangig
behandelt, welche die Bundeswehr flexibler, transportfähiger
("verlegefähiger") und schlagkräftiger machen
sollen. Festgehalten wird am teuersten Rüstungsprojekt der
letzten Jahre, dem Eurofighter 2000 (Beschaffungskosten bis zu 60
Mrd. DM). Hier kann auf eine steigende Kostenlawine gesetzt werden,
die es bei solchen Mega-Projekten immer gibt, mit der wenigstens
zeitliche Verzögerungen eintreten. An erster Stelle im europäischen
Rahmen steht der Bau eines europäischen Großraumflugzeugs
A400 M. Die alten Transporter (z.B. Herkules) können einfach
nicht genügend Tonnen für die weltweiten Einsätze
in die Luft bekommen. Weitere Luftwaffenprojekte sind: die Beschaffung
des Kampfhubschraubers Tiger' und des NATO-Hubschraubers NH-90.
Auch das neue gepanzerte Transportfahrzeug GTK soll angeschafft
werden. Bei der Marine taucht auf Wunschlisten ein riesiger Truppentransporter
auf, der die Verlegung via See gewährleisten soll. Zum Schutz
bedarf es natürlich auch klassischer Kampfschiffe. Von modernsten
Kleinwaffen, die ebenfalls beschafft werden, ist hier noch gar nicht
die Rede. Mit den in der Entwicklung befindlichen Marschflugkörpern
TAURUS, manuell lenkbaren Flugbomben POLYPHEM und Kampfdrohnen TAIFUN
soll die Reichweite der Artillerie erhöht werden. Solche präzisen
Abstandswaffen verleihen der Bundeswehr eine künftigen Kriegsszenarios
angepasste "Deep-Battle-Kapazität".
Dies ist eine europäische Wunschliste, die sich trotz des
sonst überall realisierten Sparhaushalts in grossen Teilen
durchsetzen lassen wird. Die Militärs sind aber so euphorisch
und wollen so nebenher auch noch ihre nationalen Prestigewaffen
aus dem Kalten Krieg weiter technologisch ausbauen. So soll der
Kampfpanzer Leopard II neue technologische Komponenten verpasst
bekommen. Damit kommen die Militärs meines Erachtens allerdings
nicht durch, da solche schweren Kampfpanzer nicht in die Szenarien
der Krisenreaktionskräfte passen und traditionelle Teile der
Armeen, die zur Landesverteidigung' benötigt werden zugunsten
der Krisenreaktionskräfte' reduziert werden.
Ein riesiger militärischer Komplex
Im Oktober 1999 fusionierten das DaimlerChrysler-Unternehmen DASA
und die französische Aerospatiale Matra zur European Aeronautic,
Defense and Space Company EADS. Dieser Luft- und Raumfahrtkonzern
rückte weltweit hinter Boeing an die zweite Stelle, etwa an
gleicher Stelle mit dem zweiten US-Rüstungsgiganten Lockheed
Martin.
Doch damit nicht genug: Im Dezember 1999 trat die spanische Casa
der EADS bei, und im April 2000 gründeten die EADS und der
italienische Militärflugzeughersteller Alenia ein Gemeinschaftsunternehmen.
Als nennenswerter europäischer Luft- und Raumfahrtkonzern ist
nun lediglich British Aerospace noch formal aussen vor. Beim Bau
des europäischen Militärtransportflugzeugs A400M ist die
British Aerospace aber dabei: Das mit 18 Mrd. DM teure Beschaffungsprogramm,
an dem acht Länder beteiligt sind, wird von der EADS-Tochter
Airbus Industrie durchgeführt.
Hier regt sich kein Kartellamt und auch sonst agiert dieser Rüstungsgigant
still vor sich hin. Diese gewaltige ökonomische Zusammenballung
wurde bereits Mitte der 90er Jahre von verschiedenen EU-Lobbyorganisationen
eingetütet. Zentrales Ziel ist es den US-Firmen den Rüstungsmarkt
für hochwertiges Gerät streitig zu machen.
Ein regionales Beispiel: Die EU und die Mittelmeerpolitik
Bis zum Ende der Ost-West-Konfliktes kam die EU nicht über
partielles Agieren hinaus. Seit dieser Zeit sind die südlichen
und östlichen Anrainerstaaten eine strategisch wichtige Pufferzone.
So heißt es in einer Erklärung des Essener Gipfels von
1994: "Derzeit stellen die politischen, wirtschaftlichen und
sozialen Verhältnisse in einer Reihe dieser Länder Quellen
der Instabilität dar, die zu massenhafter Migration, fundamentalistischem
Extremismus, Terrorismus, Drogen und organisiertem Verbrechen führen."
In der EU existieren zwei, auf unterschiedlichen Ebenen angesiedelte
Sicherheitskonzepte: Das eine setzt auf eine veränderte militärische
Option, das andere auf sozio-ökonomische Reformen, die durch
Gelder der EU - wie z.B. dem MEDA-Programm für die Mittelmeeranrainer
bzw. durch Phare oder TACIS für die MOEL Länder unterstützt
werden sollen. An letzteres können auch andere Projekte wie
den Infrastrukturprogrammen im Verkehrsbereich unter dem Titel Transeuropäische
Netze' andocken.
Das militärische Konzept steht dabei keinesfalls im Widerspruch
zu den reformpolitischen Projekten. Es ist vielmehr ein Notnagel
und Alltag. Wer sich die zunehmenden militärischen Überwachungsmittel
gegen Flüchtlinge, zum Beispiel an der Meerenge von Gibraltar
anschaut, bekommt dies allein optisch deutlich präsentiert.
Seit dem Frühjahr 1995 betreibt die NATO in Abstimmung mit
der EU eine neue Politik gegenüber den Mittelmeeranrainerstaaten,
die gegen "den Islam" und die Gefahr einer Weiterverbreitung
moderner Waffen, insbesondere von Atomwaffen, gerichtet ist. Ebenfalls
1995 gründeten im Rahmen der WEU Frankreich, Italien, Spanien
und Portugal zwei multinationale Truppenverbände: die 12000
Mann starke Interventionstruppe EUROFOR sowie den gemeinsamen Marineverband
EUROMARFOR. Damit wurde dem Drängen von Italien und Spanien
nachgegeben, die seit Jahren auch militärische Mittel gegen
die Einwanderungsströme' aus dem Süden verlangen.
Selbst an einem gemeinsamen Satellitenprojekt Helios', das
eine militärische Überwachung des Mittelmeerraums gewährleisten
soll, wird gebastelt. An diesem Punkt sind die europäischen
Militärs immer noch von den USA abhängig.
Eine EU-Armee entsteht - Eine kleine Chronik
Die Europäische Union rüstet auf. Der entscheidende rechtliche
Schritt dazu ist im Amsterdamer Vertrag fest geschrieben. Während
bis dahin durch den Artikel 223 des alten EG-Vertrages der Rüstungssektor
aus dem Gemeinsamen Binnenmarkt ausgeschlossen war und angebunden
an die nationale Verteidigung allein in nationaler Verantwortung
betrieben wurde, wird mit dem Amsterdamer Vertrag 1997 ein neues
Kapitel über die Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik
aufgeschlagen.
Im Artikel V des Vertrages "Bestimmungen über die Gemeinsame
Außen- und Sicherheitspolitik" wurde auch die Grundlage
für eine Europäische Verteidigungspolitik festgelegt.
Die Petersberg-Aufgaben' der WEU, die Formen weltweiter Kampfeinsätze
beschreiben, sind als Ziel der verteidigungspolitischen Aktivitäten
definiert.
Am 19./20.6.2000 wurden in Santa Maria da Feira zum Abschlussgipfel
der portugiesischen Präsidentschaft weitere Teile zur Vervollständigung
der ESVP (Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik)
beschlossen. Zentrale Punkte sind: Zeitplan und Konkretisierung
der sog. "head-line-goals", das heißt der Reform
der nationalen Armeen im Sinne der neuen Interventionsaufgaben der
ESVP und der weiteren Festigung der gemeinsamen Planungs- und Entscheidungsstruktur.
Hinzu kommt der Aufbau einer permanenten Konsultationsstruktur mit
der NATO: Hier ging es um die Einrichtung von vier "ad hoc
working groups", jeweils zu Sicherheitsfragen, zu den militärischen
Kapazitäten, zu den Modalitäten des EU-Zugangs zu NATO-Militärkapazitäten
und zur Entwicklung einer Definition für die permanente Konsultationsstruktur.
Der Gipfel in Nizza vom Dezember 2000 hat auch die institutionellen
Voraussetzungen für den militärischen Arm der ESVP mit
der Einbindung der Kommandofähigkeit in den Vertrag vollendet:
die militärischen Kommandoorgane werden offiziell eingesetzt,
die Aufrüstungskapazitäten für die Interventionsfähigkeit
einschließlich der Mechanismen zur weiteren Bedarfsüberprüfung
festgelegt und die Kompatibilität zur NATO hergestellt.
Vermutlich wird es in praktischen Einsatzfällen weiterhin
Kompetenzkonflikte zwischen NATO und dem neuen militärischen
Arm Europas geben. Allerdings ist im Vergleich zur WEU ein qualitativ
völlig neuer und auch aktionsfähigerer militärischer
EU-Apparat entstanden. Seit Nizza gibt es drei neue ständige
politmilitärische Gremien. Ein "Ständiges Politisches
und Sicherheitspolitisches Komitee"(PSK), der Militärausschuss'
(MC) und ein Militärstab (MS). Ob sich daraus ein eigenständiger
europäischer Generalstab entwickelt, ist aufgrund immer noch
bestehender nationaler Interessen, nicht sobald zu erwarten. Allerdings
ist eine weitere Abkopplung militärischer Interessen und Gremien
von den verschiedensten Formen der Öffentlichkeit ein klar
erkennbarer Prozess.
Selbst die formal zuständige Kontrollinstanz, das Europaparlament,
bleibt wie bei manch anderen Politikfeldern außen vor. Das
Parlament hat sich sogar selbst entmachtet. Die Forderung nach parlamentarischer
Kontrollfunktion des EP im Bereich der ESVP mündete in einem
schwammigen Konsenspapier, welches den Rat zu nichts verpflichtet.
In der Konsequenz heisst dies: keine Vertragsänderung für
die ESVP und kaum parlamentarische Kontrollbefugnisse. Die Sicherheitspolitik
fällt in ein gap zwischen Europaparlament und nationalen Parlamenten.
Und das kennen wir wie gesagt auch von anderen Politikfeldern, die
vergemeinschaftet wurden. Das dauernde Argumentieren von der "Zivilmacht
Europa" fällt an diesem Punkt wie ein rhetorisches Kartenhaus
zusammen.
Wo bleibt das Zivile?
Sogenannte zivile Aspekte tauchen in der ESVP ebenfalls auf. Bis
2003 sollen zum Beispiel 5.000 Polizisten für internationale
Missionen vorbereitet werden.
Die schwedische Präsidentschaft der EU (1. Halbjahr 2001) versucht
auf Papier zivile Konfliktpräsentation von offizieller Seite
wieder ins Boot zu holen. Schweden weitet folgerichtig die Agenda
der Konfliktprävention aus. So setzt die Präsidentschaft
gezielt auf die Zusammenarbeit mit NGO's und Experten.
Das ist gute skandinavische Tradition, stösst allerdings an
strukturelle Grenzen. Infolge der Gipfelbeschlüsse von Feira
und Nizza stehen Maßnahmen zur Aufstellung der Polizeitruppe
für robuste Konflikteinsätze im Vordergrund. Das heißt:
Der zivile Aspekt beschränkt sich nur noch als Ergänzung
zum militärischen Teil der Sicherheitspolitik. Diese Geschichten
kennen wir auch aus der sogenannten Entwicklungspolitischen Zusammenareit.
In der neoliberal geprägten Wirtschaftspolitik dürfen
NGO's soziale Nischenpolitik betreiben und über Kleinprojekte
Zeichen setzen, die aber von ganz anderen Prioritäten überlagert
werden.
Hoffnungsträger EU-Kommission ?
Oft machen Lobbygruppen den Fehler aus einem Hoffnungsfunken, eine
Wende in der Politik zu erkennen. So hat die Kommission in Fragen
der Flüchtlingspolitik in Teilen (z.B. Familienzusammenführung
und geschlechtsspezifische Verfolgung) wesentlich besser klingende
Forderungen, wie im jeweiligen nationalen Rahmen zu Papier gebracht.
Diese Positionen gilt es, aus taktischen Gründen in aktuelle
nationale Diskussionen einzuspeisen , auch wenn es nur dazu dient
wieder in einer breiteren Öffentlichkeit gehört zu werden.
Allerdings zeigt jede Erfahrung, dass die Vorfreude nicht von langer
Dauer sein wird. In den im Vorfeld der Gesetzgebung veröffentlichten
Papieren, z.B. Grünbücher' klingen die Positionen
der Kommission meist sehr viel offener und freundlicher. Steht der
Prozess der Gesetzgebung oder eines Abkommens am Ende bricht von
Lobbyseite meist der grosse Katzenjammer aus. Der Verhandlungsprozess
hin zu einem neuen AKP-EU-Abkommen kann dazu beispielhaft zitiert
werden
Diese Thesen, so lässt sich zusammenfassend sagen, verdeutlichen
einen neuen qualitativen Schub was die europäische Verteidigungs-
und Sicherheitspolitik betrifft. Das Zivile Europa' wie es
gerade von grünen PolitikerInnen gerne an die Wand gemalt wird
ist ein theoretisches Konstrukt, welches gern ideologisch eingesetzt
wird. Dagegen sind Flüchtlinge in den benannten militärischen
Szenarien ein Bedrohungspotential.
|