Situation der Roma in Serbien

Einzelfall-Recherche in Serbien

Im März und April 2010 haben Bastian Wrede und Jasmina Wrede vom Roma-Projekt des Flüchtlingsrat Niedersachsen im Rahmen einer Recherche-Reise abgeschobene und „freiwillig“ zurückgekehrte Roma in Serbien getroffen. Die hier dokumentierten Einzelfälle zeigen nicht nur Schicksale von Roma, die Deutschland verlassen mussten, sondern stehen auch stellvertretend für die Situation vieler serbischer Roma, die seit Beginn des Jahres 2010 als Flüchtlinge in die EU-Staaten einreisen.

Roma-Siedlung in Belgrad / Stadtteil Vidikovac

Die Siedlung im Belgrader Stadtteil Vidikovac liegt an einer stark befahrenen Straße. Nach Angaben des Regional Centre For Minorities in Belgrad leben dort ungefähr 30 Familien. Wenige Tage vor unserem Besuch war ein Teil der Siedlung geräumt worden. Davon betroffen war der Teil der Siedlung, der direkt an ein Wohngebiet mit großen Wohnblocks grenzte. Die dort stehenden Baracken wurden ohne Ankündigung abgerissen. Die Bewohner siedelten zum Teil in den gegenüberliegenden Teil der Siedlung um. Die Baracken dort stehen auf einer freien Fläche, umgeben von Müll. Es gibt keine Wasserversorgung und keine sanitären Anlagen. Zur Stromversorgung wurde eine Straßenlaterne angezapft, das teils schlecht isolierte Kabel verläuft durchs hohe Gras zu den Baracken.

Ankunft in der Siedlung

Die Bewohner der Siedlung holen Wasser in Plastikbehältern von einem ca. 1 km entfernten Markt. Um die Baracken herum liegen Berge von Müll. Dieser stammt zum Teil von den Bewohnern der Wohnblocks gegenüber, die ihren Müll hier abladen, zum Teil (v.a. Papier und Metall, wie Öfen, Elekroherde, Waschmaschinen usw.) wurde er von den Siedlungsbewohnern gesammelt. Papier und Metall stellen nach Angaben der Bewohner die einzige Einnahmequelle dar. Das gesammelte Altpapier bringt ungefähr 2 Dinar pro kg ein. Durch den Müll werden auch Ratten angelockt. Die Bewohner berichten, dass bereits mehrere Kinder von Ratten gebissen wurden.

Die Baracken werden aus allem erbaut, was sich im Müll findet. Haupmaterial ist Holz, ob massiv, Sperrholz, Spanplatten oder alte Türen. Teilweise werden auch Teile von Autos, wie Türen oder Motorhauben, sowie Teppiche und Planen zur Isolierung verwendet. Die Dächer sind mit Planen und Tüten abgedichtet, die mit Autoreifen beschwert sind. Wenige Baracken haben improvisierte Ziegeldächer.



Die meisten Bewohner mit denen wir gesprochen haben, erhalten keine Sozialleistungen und sind nicht krankenversichert. Die meisten Kinder gehen nicht zur Schule, vor allem weil sie nicht registriert sind. Aber es gibt auch andere Gründe, die den Schulbesuch unmöglich machen. Ein Mädchen erzählt uns: „Wir haben hier kein Wasser, deshalb können wir unsere Kleidung nicht waschen. Wir tragen alles so lange, bis es ganz dreckig und kaputt ist, und dann schmeißen wir es auf den Müll“. Mit ihrer verdreckten Kleidung wären die Kinder in der Schule schnell das Ziel von Beleidigungen und Ausgrenzung, deshalb trauen sich viele nicht in die Schule.



Familie N.

Familie N. wurde 2003 nach 15 Jahren Aufenthalt in Nordrhein-Westfalen nach Serbien abgeschoben. In Serbien erhalten sie keine Sozialhilfe, die Familie lebt vom Verkaufen von Altpapier und -metall. Die drei Kinder der Familie N. gehen, wie viele andere Kinder in der Siedlung, nicht zur Schule. Die älteste Tochter, bei der Abschiebung gerade 15 Jahre alt, musste ihre in Deutschland begonnene Schulausbildung abbrechen, da sie nicht genug Serbisch sprach und auch nicht über die zur Anmeldung in der Schule erforderlichen Dokumente verfügte. Für die jüngeren Kinder fehlen ebenfalls die notwendigen Papiere. Außerdem berichten Kinder aus der Siedlung, dass sie aus Angst nicht zur Schule gehen würden – da es keine Möglichkeit gibt, die Wäsche zu waschen, werden sie mit ihrer schmutzigen Kleidung oft als „Zigeunerkinder“ beschimpft und ausgegrenzt.

Ehepaar N. und 2 ihrer Kinder

Die Familie ging zuerst nach Vranje in Südserbien, wo der Vater von Herrn N. vor der Flucht nach Deutschland ein Haus hatte. Sie fanden das Haus aber zerstört vor und bekamen, trotz mehrfacher Anfragen, keine Mittel zum Wiederaufbau. Weil sie ohne Unterkunft und Einkommen in Vranje keine Überlebensmöglichkeit hatten ging die Familie dann nach Belgrad. Dort bauten sie sich eine Baracke in einer irregulären Roma-Siedlung im Stadtteil Vidikovac, wo sie nun seit sieben Jahren leben.

Baracke der Familie N.

Milorad J.

Milorad J., der von 1992 bis 2003 mit seiner Familie in Mönchengladbach lebte, kehrte 2003 „freiwillig“ nach Serbien zurück – auch weil er den Darstellungen der Ausländerbehörde glaubte, in Serbien werde er Arbeit und eine Wohnung finden und sich ein normales Leben aufbauen können. Heute lebt er mit seiner Ehefrau in einer Baracke, die er aus Müll gebaut hat, und lebt vom Sammeln von Altpapier.

Milorad J. und seine Ehefrau vor ihrer Behausung

Die beiden durchsuchen die Abfallcontainer, die vor den großen Mietshäusern an der Straße stehen, nach Altpapier. Dieses verkaufen sie dann für 2 Dinar (ca. 2 Cent) pro Kilo an eine Firma, die daraus unter anderem Getränkeverpackungen für den europäischen Markt herstellt. Bei der Arbeit sind sie schon häufiger von nationalistischen Serben als „Scheiß-Zigeuner“ beschimpft und bedroht worden, so dass sie ihre Ausbeute zurücklassen und weglaufen mussten.

Ehepaar J. in ihrer Baracke

Seine Situation beschreibt Milorad J. als absolut hoffnungslos, er sieht für sich und seine Frau keine Perspektive auf ein besseres Leben und fühlt sich von den deutschen Behörden, die ihn zur Rückkehr überredeten, belogen.

Robert P.

Robert P. verlebte den größten Teil seiner Kindheit und Jugend in Deutschland. 10 Jahre lang lebte er in  Willebadessen im Landkreis Höxter, bis er im August 2002 mit seinen Eltern und seinem Bruder nach Serbien abgeschoben wurde. Die Abschiebung ist ihm noch lebhaft im Gedächtnis, seine Eltern wurden damals in Abschiebungshaft genommen, Robert und sein Bruder mussten in einem Kinderheim auf den Abschiebungstermin warten.

In Serbien hatte die Familie kein Zuhause mehr. Auch Arbeit fanden sie in ihrer Heimatstadt im Süden Serbiens nicht. Wir treffen Robert P. in der Roma-Siedlung in Vidikovac / Belgrad, wo er seit einigen Jahren lebt.

Inzwischen hat Robert P. selbst eine Familie gegründet. Mit seiner Frau und seinem kleinen Sohn lebt er in einer Baracke, die aus Holz und Pappe errichtet wurde. Im Winter, erzählt er, hätte das Dach fast Feuer gefangen, weil das Ofenrohr des Holzofens, der zum Kochen und Heizen dient, zu heiß wurde. Ein großes Loch im Dach, mit angesengten Rändern, zeugt noch von der Beinahe-Katastrophe. Ein weiteres Problem seien die Ratten und Mäuse, für die die dünnen Wände kein Hindernis darstellen. Es sei schwierig, Vorräte vor den Nagern zu verstecken, und auch um die Gesundheit seines Kindes fürchtet er.

Den Lebensunterhalt für seine kleine Familie muss er mit dem Sammeln von Altpapier und Schrott bestreiten. Sozialhilfe erhält er nicht, auch seine Frau und sein Sohn erhalten keine Unterstützung. Wie viele andere Roma sieht er den einzigen Ausweg in einer erneuten Flucht nach Deutschland.

Familie A.

Familie A. ist 2003, nach 18 Jahren Aufenthalt, auf Druck der Ausländerbehörde „freiwillig“ aus Münster nach Vranje zurückgekehrt. In Vranje stellten sie fest, dass ihre Häuser zerstört waren und kamen deshalb nach Belgrad. Hier leben Herr und Frau A., die fünf Töchter sowie die Eltern von Herrn A. zusammen in einer Baracke.

Ehepaar A. vor ihrer Baracke

Keines der Familienmitglieder konnte hier eine reguläre Arbeit finden. Die Eltern und ihre 5 Kinder sind immerhin registriert und haben zeitweise eine monatliche Sozialhilfe von 5.000 Dinar (ca. 50€) erhalten. Doch davon lässt sich nichteinmal in Belgrad eine neunköpfige Familie ernähren. Das Geld, dass sie für die Rückkehr erhalten haben, war schon nach wenigen Wochen verbraucht.

In diesem Raum schlafen die Eltern und die 5 Töchter

Rechts ist der fensterlose Schlafraum der Schwiegereltern. Er ist gerade groß genug für ein Bett.

Als im Sommer im Zuge der weiteren Zwangräumungen auch ihre Baracke abgerissen werden sollte, sah Familie A. keinen anderen Ausweg mehr, als erneut nach Deutschland zu kommen. Die nach der Einreise gestellten Asylfolgeanträge wurden allerdings schnell abgelehnt. Die Familie befindet sich jetzt im Klageverfahren, doch die Aussichten sind nicht gut.

Abgeschobene Roma in Zajecar

Zajecar ist eine Stadt im Osten Serbiens, nahe der Grenze zu Bulgarien. Nachdem wir von einem Mitarbeiter der Diakonie in Waldeck-Frankenberg über den Fall einer älteren Frau aus Bad Wildungen informiert wurden, die nach ihrer Abschiebung in den Kosovo nun in Zajecar lebt, reisten wir dorthin. Neben Frau T. und ihrem Sohn trafen wir dort auch eine weitere Roma-Familie, die aus Deutschland nach Serbien zurückkehren musste.

Fekrije und Armend T.

Frau T. lebte 20 Jahre lang in Deutschland.  Sie wohnte mit ihrer Familie in Bad Wildungen.  Immer noch lebt der größte Teil ihrer Familie in Deutschland, zwei Söhne, drei Töchter und dreizehn Enkelkinder. Frau T. hat ihre Kinder und Enkelkinder nun seit über einem Jahr nicht mehr gesehen, seit sie am 13.10.2009 in den Kosovo abgeschoben wurde. Die damals 58jährige, alleinstehende Frau wurde allein abgeschoben. Die meisten ihrer Kinder haben eine Aufenthaltserlaubnis. Da sie sich und ihre Familien ohne Sozialleistungen ernähren können, dürfen sie in Deutschland bleiben. Doch für Frau T., die an Diabetes und Bluthochdruck leidet und mit ihren 58 Jahren sicherlich keine Arbeit mehr findet, haben sehen die deutschen Behörden keine Verwendung mehr. So wird sie zu einer der vielen Alten und Kranken, die in 2009 und 2010 in den Kosovo abgeschoben werden.

Auf dem deutschen Reisedokument, das nur für ihre Abschiebung gültig ist, ist eine Meldeadresse in Vucitrn im Kosovo eingetragen. Die Adresse, an der sie vor 20 Jahren einmal gewohnt hat, war für die Behörden offenbar ausreichend, um eine kranke Frau allein in den Kosovo abzuschieben. Ein Haus hat Frau T. dort schon lange nicht mehr, und auch Familienangehörige hat sie im Kosovo nicht.

Im Hotel Aviano, wo die kosovarische Regierung Rückkehrer für bis zu 7 Tage einquartiert, findet Frau T. jemanden, der sich aus Mitleid bereit erklärt, sie nach Serbien zu fahren. Dort, in Zajecar, lebt seit August 2009 ihr 31jähriger Sohn Armend. Er war „freiwillig“ nach Serbien zurückgekehrt, nachdem eine Abschiebung unausweichlich schien. Armend T. ging nach Zajecar, weil dort eine Roma-Familie lebt, mit der die Familie T. schon in Bad Wildungen befreundet war und die schon in 2004 zurück nach Serbien mussten. Jetzt teilt sich Fraut T. eine kleine Wohnung mit ihrem Sohn. Die Miete können sie selbst nicht bezahlen, sie sind auf die unregelmäßigen Überweisungen durch die in Deutschland verbliebenen Kinder von Frau T. angewiesen, die aber selbst nur im Niedriglohnsektor beschäftigt sind und kaum in der Lage sind, ihre Mutter dauerhaft zu unterstützen. Um Überleben zu können erhalten sie manchmal auch Spenden von der Diakonie in Waldeck-Frankenberg. Denn Sozialhilfe gibt es für Frau T. in Serbien nicht, da sie nicht registriert ist. Und Armend konnte bisher keine Arbeit finden. Die Arbeitslosigkeit ist hoch in Serbien, Roma sind auf dem Arbeitsmarkt besonders benachteiligt, und Armend spricht nicht einmal serbisch.

Im Januar 2010 brach Frau T. mit Atemnot und Herzproblemen zusammen. Armend brachte sie ins Krankenhaus, wo ein EKG durchgeführt und sie medikamentös behandelt wurde. Doch noch am gleichen Tag musste Frau T. gegen die ärztliche Empfehlung das Krankenhaus wieder verlassen – ohne Registrierung ist sie in Serbien nicht krankenversichert, und für die Weiterbehandlung fehlte das Geld. Im Winter 2010 kam Frau T. erneut ins Krankenhaus. Sie brach zusammen, nachdem sie für einige Zeit kein Insulin bekommen hatte.

Armend T. schläft nachts schlecht, er wacht oft auf und schaut nach seiner Mutter. Tagsüber geht er kaum aus dem Haus, aus Angst sie könne in seiner Abwesenheit zusammenbrechen. Die Gefahr besteht jederzeit, besonders da ihr Insulinvorrat fast aufgebraucht ist und die Medikamente, die sie in Deutschland regelmäßig bekommen hat, sind in Serbien nicht verfügbar. Die Einstellung auf neue Medikamente würde aber Arztbesuche erfordern, die sie sich nicht leisten kann.

Die Diakonie in Waldeck-Frankenberg hält weiter den Kontakt zu Fekrije und Armend T. und versucht, sie mit Spenden zu unterstützen. Wenn Sie den beiden auch helfen wollen, überweisen Sie ihre Spende auf das  Konto des Kirchenkreisamt Korbach, Kto.-Nr. 1100106, EKK (Ev.Kreditgen.) BLZ 52060410, Stichwort Flüchtlingshilfe-Roma.

Familie L.

Familie L. lebt breits seit 2004 in Zajecar. Damals kamen sie „freiwillig“ aus der Gegend von Korbach im Landkreis Waldeck-Frankenberg zurück, nachdem ihnen die Abschiebung nach Serbien angedroht worden war. In Waldeck-Frankenberg lebten sie 13 Jahre lang, die jüngste Tochter wurde dort geboren. Kurz nach der Rückkehr verließ Herr L. seine Familie.

Frau L. mit ihrer Tochter

Jetzt lebt Frau L. mit ihrer Tochter (18) und ihren zwei Söhnen (20 und 21 Jahre alt) zusammen in einem baufälligen Haus, das sie für 50,- € im Monat gemietet haben. Die Miete haben sie seit Monaten nicht zahlen können, doch der Vermieter duldet sie noch – wahrscheinlich, weil er weiß, dass er das Haus ohne umfassende Reparaturarbeiten kaum vermieten kann. Fast alle Wände sind feucht und von Schimmel befallen, die Haustür ist kaputt, einige Fenster wurden von Nachbarn eingeworfen und der Keller steht bei Regen knietief unter Wasser. Im Badezimmer, das sich im Keller befindet, funktioniert nur noch ein Wasserhahn.

Feuchte Wände und Schimmel in der Küche

Geheizt wird das Haus mit einem Ofen, doch für Brennholz fehlt meist das Geld. Der Ofen ist auch die einzige Kochstelle, seit der Strom wegen nicht bezahlter Rechnungen abgestellt wurde.

Obwohl Frau L. aus der Gegend von Zajecar stammt,  sind weder sie noch die Kinder registriert. Frau L. besitzt einen alten jugoslawischen Reisepass, die jüngste Tochter hat ihre deutsche Geburtsurkunde. Sie bekommen keine Sozialhilfe und sind nicht krankenversichert. Da die Rückkehr für die Kinder auch den Abbruch der Schulausbildung bedeutet hat, haben sie kaum Chancen einen Job zu finden.

Frau L. mit ihrer Tochter und der Freundin ihres Sohnes, die ebenfalls aus Deutschland zurückkehren musste


Der Flüchtlingsrat Niedersachsen ist für seine Arbeit auf Spenden angewiesen. Unterstützen Sie uns: - Konto 4030 460 700 - GLS Gemeinschaftsbank eG - BLZ 430 609 67 - Zweck: Spende, oder werden Sie Fördermitglied im Flüchtlingsrat Niedersachsen e.V.! Spenden an den Flüchtlingsrat sind steuerlich absetzbar.