[Gazale-Salame] Gazale-Hungerstreik-junge Welt- Interview

kai weber kai.weber at nds-fluerat.org
Mon Jan 28 09:45:48 CET 2008


Nachfolgend ein interview in der jungen welt zum hungerstreik von andreas vasterling für die rückkehr von gazale salame nach deutschland.

gez. kai weber

Tageszeitung junge Welt
28.01.2008 / Inland / Seite 8
»Ich will so weit gehen, wie ich nur kann«
Flüchtlingshelfer will mit Hungerstreik Wiedereinreise einer abgeschobenen 
Kurdin erreichen. Gespräch mit Andreas Vasterling
Reimar Paul

Der Hildesheimer Flüchtlingshelfer Andreas Vasterling ist Anfang Januar in den 
Hungerstreik getreten. Er will damit erreichen, daß die vor drei Jahren 
abgeschobene Kurdin Gazale Salame und ihre beiden kleinen Kinder wieder zu 
ihrer Familie nach Deutschland kommen kann. Salame und ihrem Mann Ahmed Siala 
wird vorgeworfen, bei der Einreise als Kinder ihre türkische 
Staatsangehörigkeit verschwiegen zu haben


Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Gewichtsverlust sieben Kilo, Moral gut, Beine manchmal schwach, aber nach 21 
Tagen hätte ich es mir schlimmer vorgestellt. Das heißt für die Verursacher 
dieser Tragödie, daß dieser Streik sie noch sehr lange begleiten wird.
Welche Reaktionen gab es bislang auf Ihre Aktion?
Der Fall ist dadurch noch einmal in die Medien gekommen. Der Landkreis 
Hildesheim und der niedersächsische Innenminister mußten sich mit kritischen 
Fragen und auch mit Bitten für die Wiedereinreise von Gazale Salame 
auseinandersetzen. Meine Mitstreiter aus der Flüchtlingsinitiative »Menschen 
für Menschen« respektieren meine Entscheidung, wollen aber, daß ich abbreche, 
wenn mein Zustand kritisch wird.

Sie hatten mit Beginn des Hungerstreiks in einem Brief an das Innenministerium 
eine humanitäre Lösung des Falls verlangt. Gibt es von dort eine Antwort?

Ja, seit ein paar Tagen. Viel Mühe hat sich das Ministerium aber nicht 
gegeben. Es sandte mir einen Brief zu, der mittlerweile wohl als 
Standardantwort in dieser Sache fungiert.

Was steht drin?

Der Brief verweist auf die Ausreisepflicht von Gazale Salame und ihrem Mann 
Ahmed Siala, die auch gerichtlich festgestellt wurde. Dabei wird ein Urteil 
des Oberverwaltungsgerichts Lüneburg ins Feld geführt, das aber noch gar 
nicht die endgültige Entscheidung bedeutet. Auf den Hungerstreik und eine 
Petition der Kirchen zugunsten von Salame wird gar nicht eingegangen.

Das Innenministerium sagt, Ahmed Siala könne jederzeit ausreisen, um bei 
seiner Familie zu sein. Wäre das keine Lösung?

Ich wäre der letzte, der Ahmed Siala davon abhalten würde, wenn er das Gefühl 
hätte, daß alles keinen Sinn mehr hat und er ausreisen will, um die Familie 
in der Türkei zusammenzuführen. Seine Anwältin kann das Verfahren auch allein 
fortführen. Aber wenn er ginge, würden sicher bald die Fanfaren aus Hannover 
ertönen: Seht, er gesteht ein, ein Türke zu sein. Womöglich würde dann auch 
das Bundesverwaltungsgericht die Ausreise in diesem Sinn beurteilen. Am Ende 
hätte sich so das Unrecht durchgesetzt.

Warum?

Die Vorwürfe sind falsch. Die Familie Salame und Siala stammen aus dem Libanon 
und nicht aus der Türkei. Gazale und Ahmed sind als Kleinkinder nach 
Deutschland gekommen und hier aufgewachsen. Ahmed Siala arbeitet hier in 
einer Schlachterei und verdient genug Geld, um ohne staatliche Leistungen 
seine Familie zu ernähren. In der Türkei hätte er nicht diese Perspektiven 
und müßte zudem erst Türkisch lernen.

Was sagen denn Gazale Salame und Ahmed Siala zu Ihrem Hungerstreik?

Gazale Salame hat mich dieser Tage aus der Türkei angerufen. Sie erklärte, sie 
wolle mir ein Essen kochen, wenn sie wieder zu Hause, das heißt in 
Deutschland angekommen ist. Andererseits fürchtet sie um meine Gesundheit, 
sie möchte nicht, daß ich ihretwegen sterbe, oder dauerhafte Schäden 
davontrage. Auch Ahmed Siala war sehr erschrocken über meinen Schritt. Er 
sagte: »Laß uns das juristisch und politisch ausfechten, bring dich nicht 
um.«

Machen Sie den Hungerstreik bei sich zu Hause?

Derzeit ja. Ich hoffe aber, daß ich Anfang Februar in ein Gemeindehaus oder in 
eine Kirche übersiedeln kann. Ich hatte zunächst befürchtet, daß meine Aktion 
der Kirche zu weit gehen könnte. Der Superintendent des Kirchenkreises 
Hildesheim-Sarstedt hat mir aber versichert, es gebe kein ideologisches 
Problem, sondern nur ein logistisches. Er wolle schauen, wo man so etwas ins 
Werk setzen kann.

Wie lange wollen Sie den Hungerstreik denn überhaupt aushalten?

Ich wiege noch 90 Kilo, habe also noch Substanz. Das Telefonat mit Gazale 
Salame hat etwas in mir ausgelöst, ich mußte zum ersten Mal seit langer Zeit 
weinen. Es gibt da für uns alle eine Verpflichtung zur Menschlichkeit, darum 
will ich so weit gehen, wie ich nur kann.